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Monomyth – Orbis Quadrantis

(yv) „The road we take always remains undefined. We seek out adventures in new sounds and a new approach. In that respect, this album is very different from our previous work, as it’s much more complete sonically. Consider Orbis Quadrantis to be a shell: hold it up to your ear, and you’ll hear the rustling of the sea.“ – Monomyth

Ja, äh, wie meinen, bitte? Orbis Quadrantis… Die Quadratur des Kreises oder ist die Erde eben doch eine flache, eckige Plattenhülle?

Ganz dem Wunsch der fünf holländischen Herren entsprechend leihe ich der Scheibe jetzt mal mein geneigtes Ohr, unvoreingenommen und relativ neugierig.

01 – Aquilo

02 – Eurus

03 – Auster

04 – Favonius

Okay, erst mal die Suchmaschine bemühen… Hier handelt es sich allesamt um Winde bzw. deren Personifikationen in der römischen Mythologie.

01 – Aquilo, der Nordöstliche.

Es bläst und säuselt, erste Wellen brechen sich am Bug, man hört knarrende Planken und Takelage, Andeutungen von Buckelwalgesang und Echolot-Pings. Eine kühle Stimmung, schemenhafte Bilder von wettergegerbten Gesichtern und rauen Händen in feuchtem Ölzeug und Wollpullis drängen sich auf, samtig-dunkle Saitenklänge kommen dazu, die ganze Band stimmt nach und nach ein, alles sehr träumerisch-sehnsüchtig. Ein trüber Tag auf grauer See mit bedrohlich wolkenverhangenem Himmel und doch wunderschön. So ist das Meer, wie ich es mag, kantig und charaktervoll und weit.

Der Gitarrenwind wird stärker, alle Mann an Deck, Klänge wie durch Unterwasserlautsprecher gedrückt, da steckt jede Menge Melancholie und Nachhall drin. Die Schaluppe nimmt fahrt auf, quer durch die Brandung, und auf einmal sind sie alle weg, grade so wie die Schiffe des Perserkönigs Xerxes, die von Boreas, der „griechischen Version“ des Aquilo verschluckt wurden.

02 – Eurus, der Östliche

Aha, hier geht es trockener zur Sache, Bass- und Trommeln im Trab, fast wie ein Stampfen, die Gitarre legt Schnörkel darüber. Warmer Herbstwind unter rötlicher Sonne, Feierstimmung mit Rasseln und Cowbell, Erntedank mit bunten Bändern und goldenen Ähren, die Eurus flattern und sich biegen lässt. Zum Tanzen fast einen Tacken zu schnell, aber die Ernte muss rein.  Ein komplett anderes Klangbild, komplett andere Stimmung, eher ein wuseliger geschäftiger Ameisenhaufen, über den irgendwann ein Spätsommergewitter hereinbricht, das aber durch Eurus angetrieben fast genauso schnell geht wie es kam und den wärmenden Strahlen der Sonne wieder Platz macht, ehe Astraios, die Abenddämmerung dem Schauspiel ein sanftes Ende setzt.

03 – Auster, der Südliche

Ein Einstieg für die Adepten des JM Jarre, von Mr. Wakeman & Co., Synthie-PloingPloing alter Schule, ein etwas proggiger Trommeleinsatz, Keyboards und Gitarren in hoher Schwebe, es wird richtig heiß, die Sonne brennt über verdorrter Landschaft. Flirrende Saiten im Tanz mit den Tasten auf dichtem Bassteppich und im treibenden Groove der Felle und Becken. Elektronische Zikaden singen, es surrt und schwirrt allüberall und es wird einem ganz schwummerig im gleißenden Licht beim Versuch auf die einzelnen Parts zu hören. Alles ist extrem dicht und greift ineinander, das ist meisterliche Klangkunst. Boah.

04 – Favonius – der warme Westliche

Oh ja, Sonnenuntergangsstimmung, sehr sachte und mit viel Bedacht, ein langsamer, verliebter Tanz am Ende eines schönen Tages. Das Zusammenspiel intensiviert sich, ohne dass das Tempo notwendigerweise angezogen würde, eher ein immer höher strebender Segelflieger im Aufwind des Abendlichts, über den Dingen des Alltags schwebend und überwältigt von majestätischen Eindrücken. Ein Traum, ein Flug, Dahingleiten Richtung des Kusses von Sonne und Horizont…

Oh Mann, schon fertig.

Fazit: Eine absolut klasse Scheibe, insbesondere für die Freunde des Kopfkinos, des sich-Fallen-lassens, des Abschaltens und Vergessens in musikalischen Welten. Einziges Manko: das Ding ist zu kurz. Monomyth haben hier (mit etwas kankheitsbedingter Verzögerung) sozusagen ein Konzept-Album – wenn man diesen überstrapazierten und fast ausgeleierten Begriff bemühen möchte – in die Welt getragen, jedes Stück hat seinen eigenen Leitfaden und doch passt alles irgendwie zusammen, alles ist stimmig und komplett, wie sie selbst eingangs sagten. Weltreise im Kurzformat, Tagträume und Bilder aus fernen Gestaden. Ich bin echt begeistert.

Jetzt hätte ich das ganze mal bitte am Stück live auf der Bühne vor meiner Nase, das muss ein Abflug sondergleichen sein.

Monomyth, das sind

Selwyn Slop – Bass

Sander Evers – Drums

Peter van der Meer – Keys, Gitarre

Tjerk Stoop – digitale Instrumente, Gitarre

Boudewijn Bonebakker – Gitarre

http://www.monomyththeband.com/

https://www.facebook.com/monomyththeband/

https://monomyththeband.bandcamp.com/

https://suburban.nl/en/product/orbis-quadrantis/

Die Platte kann man jeweils bei den einschlägigen Händlern erwerben – wärmstens empfohlen.

Wer sich das Vinyl holt, bekommt ein Schmankerl, siehe Unboxing-Video:

https://www.youtube.com/watch?v=fOU577yaeg8

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