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Nils Wülker – GO

(jm) Wenn der deutsche Jazzmusiker, Komponist und Produzent Nils Wülker ein Album mit dem Titel „GO“ veröffentlicht, dann passt das wie maßgeschneidert auf einen Musiker und Menschen wie ihn – immer in Bewegung, neugierig und vorwärtsdenkend, den Kopf voller musikalischer Ideen. Ein Mann, der mit Familie von Hamburg nach München zieht, der vor gut einem Jahr zum ersten Mal Vater geworden ist und nahezu parallel eines seiner spannendsten Alben schreibt, produziert, aufnimmt. Alle Zeichen stehen auf „GO“.

Dabei ist es nicht nur ein reines Jazz-Album geworden. Nils Wülkers Exkursion in die Elektronik komplettiert eine über mindestens fünf Jahre erlebte Album-Trilogie, für die uns der mindestens so charismatische wie visionäre Trompeter und Songwriter mit „UP“ in den Pop und mit „ON“ zum Hip-Hop verführt hat. Sein zehntes Studioalbum ist zwar mit all den analogen Synthesizern, den organischen Loops und Beats nicht so ohne weiteres live reproduzierbar, besticht dafür im Kontrast mit einigen seiner bislang schönsten und emotionalsten Songs – und dem direktesten und dynamischsten Trompetenspiel jenseits seiner Live-Alben und Konzerte. Produziert mit Ralf Christian Mayer, bekannt von Arbeiten mit Clueso oder Fanta 4, und komplett selbst komponiert, zeigen die zehn Stücke von „GO“ die bisher extremste und energischste Seite des Musikers – eingespielt mit Mitgliedern seiner beliebten Live-Band, dazu dem Wiener Keyboarder Albin Janoska, dem Sound-Experten hinter SOHN, und dem amerikanischen Trompeter Theo Croker im alles andere als sterilen Corona-Distanz-Duo „Highline“.

„Für diese Produktion war es gut, direkt davor das Live-Album gemacht zu haben, so widersprüchlich das auch klingt“, meint Nils Wülker und erklärt gleich, was „GO“ seinem 2019 erschienenen Live-Album „Decade“ verdankt. „Ich habe jetzt „live-mäßiger“ im Studio gearbeitet, konnte mehr Dynamik über das Trompetenspiel einbringen, dieses menschliche Element über die Trompete mitnehmen. Zudem hat es mich in meiner Art und Weise zu Arbeiten gefestigt. Vielleicht habe ich mir auch deshalb zwar mit den Sounds Hilfe geholt, aber die Songs wieder alle komplett selbst geschrieben, ohne Co-Writings, wie auf den letzten beiden Alben.“ Ein weiterer nicht gerade offensichtlicher Aspekt im Entstehungsprozess von „GO“ war das Programm „The Art of the Duo“, mit dem Nils Wülker Ende 2019 mit seinem langjährigen Gitarren-Partner Arne Jansen auf Tour ging. Genau wie bei dieser enthusiastisch aufgenommenen Konzertreihe ist die Trompete hier nicht nur Melodie- und Solo-Instrument, sondern übernimmt andere Funktionen – zu Flächen geloopt, gefiltert, rhythmisch zerhackt oder verfremdet.

Auch wenn “GO“ seine Anfänge weit vor Corona hatte, passt es optimal in die jetzige Lage. „Ich habe versucht, die Situation anzunehmen, wie sie ist und sie kreativ zu nutzen“, sagt Nils Wülker und verweist auf diverse „Isolation-Buster-Aktionen“ auf dem Album. „Den Gedanken, für mich auszuloten, was ich nur mit meinem Nicht-Harmonie-Instrument an Klanglandschaften generieren kann, hatte ich zwar schon vor Corona, besonders nach der Duo-Tour, bei der wir uns ja auch oft mit eigenen Loops begleitet haben, aber jetzt hat es eben perfekt gepasst.“ Das wird offensichtlich in der oben schon erwähnten Zusammenarbeit mit Theo Croker, wobei beide Musiker bei den Aufnahmen „allein, nicht einsam“ waren, wie es Nils Wülker nennt, weil zwar jeder in seinem Studio saß, sie aber trotzdem auf Distanz gemeinsam kreativ sein und sich austauschen konnten.

„In einer anderen Situation wäre ich wahrscheinlich gar nicht darauf gekommen, Theo Croker zu kontaktieren“, meint Nils Wülker. „Aber als ich bei Instagram einen Post sah, in dem er mehrfach „use these times“ schrieb und riet, mehr zu üben, positiv zu bleiben, seine Kraft zu finden, habe ich ihn einfach spontan angeschrieben.“ So wurde aus „Highline“ ein ebenso inspiriertes wie inspirierendes Trompeten-Duo, bei dem Theo Croker offen und Nils Wülker mit Dämpfer spielt – über einen pumpend pulsierenden Elektro-Groove, bei dem ein Teil der Begleitung aus einer rhythmisch zerhackten und geloopten Trompeten-Fläche besteht.

Auch die cineastische Ballade “The Frame” beginnt mit so einer zur Klanglandschaft mutierten Trompete, bevor sie sich in allerlei wabernden, knarzenden, rufenden Synthis und der grandiosen Trompete ergeht. Im dramatischen “The You Of Now” kommt die Bassline ausnahmsweise vom Klavier, die Einleitung zu “Seat 47” spielt eine düster-dreckige Synthi-Bass-Line, eine mögliche Reminiszenz an Eighties-Funk-Stars wie D-Train oder George Duke. Die eindringlichen Melodien, für die Nils Wülker als Musiker und Komponist bekannt und beliebt ist – sie schweben souverän über weite Flächen, dazu der Drum-Sound als Fundament knackig live oder auch mal direkt programmiert. “Blow Up” nennt der 42-jährige das auffälligste und extremste Beispiel für einen elektronischen Alleingang: 49 Trompeten-Spuren inklusive einer aus Mundstück-Ploppen gebastelten Kick Drum und einem Backbeat aus Ventil-Geklacker – alles an “Blow Up” ist Trompete, allein im Home Studio entstanden, die technischen Möglichkeiten in der Isolation so kreativ wie möglich genutzt  – Kinderbetreuung tagsüber, Albumproduktion nachts.

“GO” ist in jeder Hinsicht ein neues, aufregend anderes Schaffenskapitel, in der wieder neue musikalische Ufer, ergänzend oder fusionierend mit dem Jazz, erschlossen werden. Das neue Album baut auf den bisherigen Meilensteinen des Nils Wülker auf: neun, vielfach preisgekrönte und chart-verwöhnte Studio- und eineinhalb Live-Produktionen, der Arbeit mit so unterschiedlichen Musikern wie Craig Armstrong, Dominic Miller, Samy Deluxe, Marteria, Max Mutzke und vielen mehr. Nicht zuletzt klingt das mir vorliegende Vinyl klar und differenziert, ohne jegliches Knacken. Natürlich gibt’s auch eine CD und alle anderen digitalen Formate. Go! (Jens M.)

Tracks:

01. Distorting Time
02. Hidden Intentions
03. The You Of Now
04. Hybrid
05. Seat 47
06. Highline (feat. Theo Croker)
07. The Frame
08. Blow Up
09. Perlage
10. Faced With A Choice, Do Both

Nils Wülker — trumpet, flugelhorn, piano, keyboards, synthesizers, bass synth, programming
Albin Janoska — synthesizers, bass synth, vocoder
Maik Schott — modular synthesizers, synthesizers
Arne Jansen — guitars
Simon Gattringer — drums
Oli Rubow — drums

On Tour:

Nils Wülker & NDR Radiophilharmonie
29.10.2020      Hannover, großer Sendesaal
30.10.2020      Hannover, großer Sendesaal

Nils Wülker Album-Tour „Go“
03.11.2020      Freiburg, Jazzhaus
04.11.2020      Karlsruhe, Tollhaus
10.11.2020      Osnabrück, Lagerhalle Osnabrück
07.01.2021      Coesfeld, Konzert Theater Coesfeld
04.05.2021      Bochum, Bahnhof Langendreer
05.05.2021      Erlangen, E-Werk Erlangen
06.05.2021      Kassel, Theaterstübchen
07.05.2021      Worpswede, Music Hall
08.05.2021      Oldenburg, Kulturetage
09.05.2021      Erfurt, Zughafen
10.05.2021      München, Ampere/Muffatwerk
12.05.2021      Darmstadt, Centralstation Darmstadt
13.05.2021      Berlin, Quasimodo
14.05.2021      Hamburg, Fabrik
15.05.2021      Minden, Jazzclub

Tourdaten wie vom jeweiligen Veranstalter mitgeteilt. Änderungen und Irrtum vorbehalten. Bedingt durch die COVID-19-Pandemie müssen in den Veranstaltungsorten die jeweils geltenden Hygienekonzepte eingehalten werden.

Kontakt:
www.nilswuelker.com

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