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Freak Valley X-Mas Festival 2022

(judith-Vorwort, Sarkh, Speck, Daily Thompson, volker kursiv-Splinter, Da Captain Trips, photos David Grünebach) Samstag, 16 Uhr, knapp unter dem Gefrierpunkt. Die ersten Gäste betreten erwartungsvoll und höchst vorfreudig den Weihnachtsmarkt der besonderen Art. Zwei (naja, eher eineinhalb) freundliche Elfen kontrollieren im Kassenhäuschen Eintrittskarten und Schnelltests, eingerahmt von stimmungsvollen Lichterketten, die sich im gesamten Vorzelt des Vortex ausbreiten und selbst bei eingefleischten Weihnachts-Widersachern ein zartes Gefühl von Behaglichkeit aufkommen lassen. Der Außenbereich ist für das besondere Event heute erweitert worden und erstreckt sich nach rechts vor den Backstagebereich. Es duftet nach kulinarischen Leckerbissen und Glühwein, Heizstrahler stehen bereit, um kalte Hände und Hintern zu wärmen, und Merchandise-Stände mit Shirts, Vinyl und Silberscheiben lassen ein wenig Festival-Feeling aufkommen. Willkommen beim Freak Valley Xmas-Fest 2022, das nach drei viel zu langen Jahren endlich wieder stattfinden kann!

„Der knuffige kleine Winterableger des Festivals“, wie es auf der Facebook-Seite des Vortex Surfer Musikclubs heißt, wartet auf mit fettem Fahrplan: 

17:00 SPLINTER (NL)

18:30 DA CAPTAIN TRIPS (IT) – exklusive Deutschland-Show

20:00 SARKH (DE)

21:30 SPECK (AT) – exklusive Deutschland-Show

23:00 DAILY THOMPSON (DE) – Live at Freak Valley Album-Release-Show

(vo) Die kleine europäische Union aus vier Mitgliedsländern mit zwei Damen und 15 Herren war dann auch vollzählig vertreten, sie konnte keine motorische oder körperliche Pein aufhalten: Kurz nach 17 Uhr sprinteten Splinter auf die Bühne, die schon hunderten von Bands, ach was, tausenden aller musikalischen Schattierungen einen großartigen Boden bot und legten mit ihrem sich wunderbar anzuhörendem Gebräu aus Classic Rock mit leichter Punkattitüde, Classic Rock mit Glamfaktor und Classic Rock mit leichtem Popappeal sowas von ins Zeug: kein Wunder sind die vier Jungs doch eine begnadete Liveauftrittsband, die jeden Musikclub und jede Festivalbühne unseres Vertrauens adelt und das natürlich in vollstem Einverständnis mit dem davor feiernden Publikum. Douwe am Mikro ist ein Entertainer vor dem Auditorium mit schwer wackelnden Hüften und perfekten Tanzeinlagen, Gertjan wuchtet sich über die Tasten der Hammond das es nur so orgelt und Sander und Barry geben uns den Rest mit Saiten und Fellen. Und immer wieder bas erstaunend: ohne Bass als Instrument!

Einen Kurztrip über die Alpen legte das Quartett Da Captain Trips aus dem Norden Italiens an diesem Wochenende ein: Freitag spielten sie in Ulm und verhexten dort das Hexenhaus und Samstag beehrten sie unser gediegenes Weihnachtsfest in Siegen-Weidenau. Und dort trug es sich zu das sich während des reinen, instrumental-psychedelischen Vortrags u.a. einiges Weibsvolk aus dem Süden Deutschlands vor der Bühne in heftigen Bewegungen der Körperteile oberhalb der Schultern gebärdete: die wilden Mähnen mähnten sich ekstatisch zur lautmalerischen Musike der vier Herren vom oberen Stiefelschaft ihres Landes. Entzückend verzückt auch die Abfluggesichter der nicht immer in dieser Raumsphäre sondern auch in anderen Raumsphären weit oberhalb des Vortex weilenden Damen. Und die Dame und ein Herr aus dem wienerischen Speckgürtel ließen sich in Punkto Bewegungsfreiheit etlicher Gelenke auch nicht lumpen, wie auch das andere Weibs- und Mannsvolk in der aufgeheizten Atmosphäre sich zur Darbietung hin und her wog….

(ju) 20:00 Uhr. Das Thermometer macht sich wieder auf den Weg nach unten mit dem Ziel, mindestens eine Fünf hinter dem Minus stehen zu haben. Doch das stört unter dem Vorzelt niemanden, und vor der Bühne erst recht nicht. Die Stimmung hat mittlerweile die Temperatur des blubbernden Glühweins im Kessel erreicht, als die Westerwälder Wumsgranaten SARKH die Bühne betreten.

Geplant war das nicht. Die drei Herren genossen heute Morgen noch völlig ahnungslos ihr Frühstück, als die dringliche Nachricht hereinkam: Ob sie als Ersatz für GLASGOW COMA SCALE einspringen könnten, die krankheitsbedingt leider absagen mussten. Für Bassist Falko und Drummer Johannes eine recht praktische Gelegenheit, hatten sie doch ohnehin geplant, sich die Xmas-Show als Gäste reinzuziehen. Lediglich Gitarrist Ralph war auf einen Geburtstag eingeladen. Zum Glück reagierte das Geburtstagskind – ebenfalls Musiker in einer Band – auf die spontane Absage sehr verständnisvoll: Er hätte es nicht anders gemacht, wenn man schon mal die Chance habe, Teil eines solch wunderbaren Events zu sein.

Den Dreien ist die Freude über den spontanen Überraschungs-Gig deutlich anzumerken. Auf Kommando rumkrachen, das können sie, egal ob musikalisch und mental vorbereitet oder nicht. Falko (im Übrigen auch Sound- und Stagemann auf dem Freak Valley Festival und heute Pegelregler bei Daily Thompson), Ralph und Johannes liefern ein Instrumental-Feuerwerk vom Feinsten, das Silvester überflüssig werden lässt. Ein post-metallischer Klangteppich trägt die Hörerschaft unter anderem über schweres „Ackerland“, durch abwechslungsreiche „Wildnis“ und mit wuchtigem „Donnerschall“ in tiefsten, fesselnden „Morast“. Bei Johannes‘ Double Bass vibrieren die Membrane, während Ralphs und Falkos Saiten jede noch so kleine Pore durchdringen. Auch das Publikum wirkt äußerst zufrieden für diesen grandiosen, spontanen Einsatz.

(Randbemerkung an die Herren von GLASGOW COMA SCALE: Ihr wurdet durchaus vermisst, wie ich es an diesem Abend mehrfach vernehmen konnte, und man freut sich schon sehr darauf, das geplante Konzert gebührend nachzuholen!)

Im Anschluss gibt sich mit SPECK aus Wien ein weiteres Instrumental-Trio die Ehre und liefert an diesem herrlichen Abend seine exklusive Deutschland-Show ab. Wer die Band bisher nicht kannte, erwartet bei Betrachtung des Album-Artworks der 2020er-Release „Unkraut“ und Songtiteln wie „Palim Palim“ oder „Mega Chonk“ alles, nur nicht das, was kommt. Sobald sich der wabernde Klangteppich im Vortex ausbreitet, sind sämtliche Assoziationen zum Blödelbarden Dieter Hallervorden und höchst adipösen Katzen sofort vergessen. Lisas treibende Basslinie bildet zusammen mit Patricks versierter Bearbeitung von Fellen und Becken das Fundament dieses spacigen Kraut-Trips, ein perfekt eingespieltes Duo, das von Marcels ziselierender Gitarre, die zwischenzeitlich tatsächlich an das Geschrei fettleibiger Katzen erinnert, untermalt wird. Trotz gezielter Kontrastmomente fügen sich die singenden, teils wehklagenden Soli stimmig ins Gesamtpaket ein. Die Songs fließen ineinander über, Anfang und Ende sind nicht auszumachen, die ersten Zweidrittel des Gigs sind ein einziger Soundrausch. Mit der Zeit lichtet sich das Publikum im hinteren Teil ein wenig, was bedauernswert ist, da SPECK jetzt den Schleudergang einlegt und die Menge aus dem Trancezustand zurückholt. Das Tempo zieht deutlich an, die Drums preschen los, bremsen ab, treten wieder durch, der Bass folgt gehorsam. Eskalierende Progression. Lisas Finger huschen so schnell über die Saiten, dass sie in ihrer Bewegung verschwimmen wie Roadrunners Beine, wenn er vor dem Coyoten flüchtet. Wie ferngesteuert zappelt das Publikum marionettengleich mit, als würde der Joker mit manischem Grinsen an einem Schalter drehen. Vor, zurück, vor, vor. Dennoch haben am Ende alle noch ausreichend Luft, um „Zugabe“ zu brüllen. „Was Kurzes!“, ruft jemand ironisch aus dem Publikum, alle lachen. Von der Bühne kommt es zurück: „Okay, ein Radio Edit.“ Und dann setzen Lisa, Patrick und Marcel tatsächlich noch einen drauf an Turbo und Tempo, und die Menge zappelt mit. Geschüttelt, nicht gerührt.

SPECK, wenn ihr wieder mal neue Songtitel braucht, wie wäre es mit „Nein“ – Doch! – Ohh!“ oder „Fluxkompensator“?

Um elf kocht die Bude dann schließlich komplett über. DAILY THOMPSON ist nicht nur heiß geliebter Gast im Vortex und auf dem Freak Valley Festival, sondern feiert heute Abend gemeinsam mit seinen Fans die Release-Show zu der auf 600 Stück limitierten Vinyl-Perle Live at Freak Valley. Die Stimmung ist ähnlich ausgelassen wie auf dem witzigen Cartoon-Cover der Schutzhülle, nur dass Danny seine Klampfen nicht zerschmettert und niemand vor die Bühne kotzt. Ist auch gut so, denn hier wird es nun voll und eng. Dennoch schubst man sich ausgelassen fröhlich herum, beweist lautstark Textsicherheit und feiert ekstatisch die drei Dortmunder mit den fliegenden Haaren. Manchmal sieht man nur noch kleine Wirbelwinde, die die spielfreudigen Gesichter verdecken, hellbraun, dunkelbraun, grün. Mercedes „Mephi“ Lalakakis hopst und bangt und wirbelt gewohnt ausgelassen über die kleine Bühne, die eigentlich für sie hätte ausgebaut werden müssen. Gründungsmitglied Danny Zaremba zupft mit einer Coolness an den Saiten wie Samuel L. Jackson in einen Kahuna-Burger beißt. Und Thorsten Stratmann fügt sich hinter der Knüppelmaschine so perfekt ins fuzz-geladene Gebretter ein, dass man kaum glauben möchte, dass er erst dieses Jahr zur Band hinzugestoßen ist. Die übercoole Lässigkeit des Trios kann höchstens noch übertroffen werden von Danny Düsentriebs selbst gebastelter Schachtel-Klampfe mit drei Saiten, deren Korpus aus einer selbst gemachten Zigarrenschachtel von einem  Freund aus Frankreich besteht. Knüller!

Natürlich werden alle fünf Songs der gefeierten Live-Platte erneut zum Besten gegeben („She‘s so cold“, „Cantaloupe Melon“, „Slow me down“, „Cosmic Cigar“ und „Nimbus“), plus „Midnight Soldier“. Das Gebrüll ist am Ende groß und reicht für drei Zugaben: Die Menge stellt sich nur allzu gerne als Testpublikum bereit, wenn DAILY THOMPSON mit „Rain Dancer“ ein neues Lied präsentiert, das aufs nächste Studioalbum kommen soll und zu dem bereits ein Video in der Wüste Spaniens gedreht wurde. Der Song hat definitiv Sogwirkung! Abgeschlossen wird das freakige Weihnachtsfest mit „A girl like you“ und „I don‘t mind“.

Vorschlag an die Band: Wollt ihr euer zehnjähriges Bandjubiläum nächstes Jahr nicht mit uns und den Rock Freaks feiern? We would mind, a lot sogar……(judith + volker)

Wir bedanken uns bei David Grünebach für die Photos, das Cigarbox Photo stammt von Judith.

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