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The Sonic Dawn – The Golden Grass – Fleuves Noirs am 22.04.2023 im Vortex, Siegen

(Ju) Samstagabend, 20 Uhr. Draußen sind es milde 17 Grad. Milde im Vergleich zu den bisherigen Temperaturen in diesem Jahr, nicht im Vergleich zu letztem Jahr, als man bereits an Ostern in kurzen Hosen hinterm Haus Kaffee trinken konnte. Das Vortex ist nicht ausgebucht, die Menschen haben Platz vor der Bühne.

Als die vier Franzosen von FLEUVES NOIRS die Bühne betreten, sind vermutlich alle ziemlich gespannt angesichts der vier eher unscheinbaren jungen Herren und des Pedalboards von Sänger Manuel Priego, der zudem mit seinen hochgekrempelten Hochwasserbeinen amüsiert. Der Opener „Jean Roulin“ vom 2018er Album „Respecte-moi“ führt das Publikum noch relativ sanft an die insgesamt recht anspruchsvolle, da höchst experimentelle Musik der vier Franzosen heran. Marschierende Drums, hämmernde Gitarren- und Bassanschläge, nicht verständlicher Sprechgesang und einige beunruhigende Schreie kreieren ein akustisches Szenario, als ob sich ein Stamm wilder Eingeborener auf einen bevorstehenden Krieg einstimmt. Auf die Musik von FLEUVES NOIRS kommen nicht alle klar, einige verlassen nach wenigen Liedern den Raum. Wer bleibt, weiß jedoch die verrückte Spielfreude der technisch versierten Musiknerds umso mehr zu schätzen. Obsessiv, zuckend und beschwörend, regellos, unkonventionell und wild. Auf die Frage, wie sie ihre Musik selbst beschreiben würden, reagieren die vier Franzosen später im Vorzelt erwartungsgemäß verkrampft, winden sich sichtlich bei dem Versuch, ihre klanglichen Tobsuchtsanfälle in Schubladen zu packen. Psych-Avantgarde-Noise-Rock? „Rock 0.0“, entscheidet sich Sänger Manuel Priego schließlich kopfnickend mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht. In der Tat führt ihre Musik live zu einer Art Reset im Mittelohr. Wer sich einlässt, der bewundert. Und lacht herzlich. Denn die Jungs machen Spaß! Plötzliche Richtungsänderungen, Trompetengeschrei, ein harter Cut in einem progressiven Crescendo, wo man eigentlich mit totaler Eskalation rechnet, die marionettenartigen Zuckungen und gespielten Zusammenbrüche von Sänger Manuel, der wild an den Knöpfen seines Pedalboards dreht, während der Rest vor der Bühne ebenfalls vergnüglich am Rad dreht. Das Brett hat übrigens Bassist Frédéric Kalfon selbst gebaut. Gilles Tredez bedient die Drums wie ein Duracell-Männchen, Gitarrist Niels Mori behält als Techniker – wie auch immer – den Überblick über den Effekt-Pedal-Dschungel zu seinen Füßen, an denen er auch auf Knien wie ein kleiner Junge begeistert herumdreht.

Im Anschluss an den Gig läuft aus den Boxen passenderweise erstmal Mr. Bungle. Kluge Wahl, Mister DJ! (Wobei FLEUVES NOIRS im Vergleich zu Mike Pattons Musikprojekt aus den achtziger Jahren wie das Londoner Symphonieorchester klingt.)

Die 2013 gegründete Band THE GOLDEN GRASS aus den Vereinigten Staaten erdet anschließend die leicht zermürbten Hirne mit ihrem groovigem, progressiven Boogie Rock, der geschickt die Brücken schlägt zwischen hartem Glam Rock, jazzigen, psychedelischen Passagen und bluesigem Southern Rock. Mit lässigem Groove, engen Hosen und bunten Sonnenbrillen lässt das New Yorker Power-Trio das Rock’n’Roll-Feeling der Sechziger und Siebziger wieder aufleben und die gewachsene Meute fröhlich tanzen. Auffällig ist, dass sich alle Drei an den Vocals beteiligen: Schlagzeuger Adam Kriney ist sowohl rhythmisch als auch gesanglich die treibende Kraft, Gitarrist Michael Rafalowich überzeugt mit lässigen Gitarrenvibes und Bassist Frank Caira übernimmt den Hintergrundgesang. (Letzterer hat übrigens mit „WFMU‘s Rock’n’Soul“ einen eigenen Radio-Stream.) Die Drei freuen sich, zurück zu sein. Bereits 2014 spielte THE GOLDEN GRASS im Vortex, zwei Jahre später auf dem Freak Valley.

Mit „Howlin“ und „Springtime on Stanwoods“ präsentieren die Sunnyboys zwei Titel ihres aktuellen Albums „Life is Much Stranger“, gefolgt von „zwei Oldies“ – so Gitarrist Michael Rafalowich: „The Spell“ der 2018er Release „Absolutely“ und „Please Man“ von „The Golden Grass“ aus 2016. Dann geht es weiter mit Titeln des aktuellen Albums. Da ich auf dem Bühnenboden nirgends eine Trackliste finden kann, wende ich mich später am Merchandise-Stand an Michael, der schulterzuckend sagt, es gebe keine Setlist. „Alles hier drin“, sagt er auf Englisch und tippt sich auf die Stirn. Drummer Adam horcht auf und ruft, er könne die Setlist aufschreiben, findet jedoch kein Papier. Und so kommt endlich mein kleines Notizbüchlein zum Einsatz, das ich bei Konzerten immer dabei, aber bisher nie benutzt habe. Mit viel Sorgfalt und in Schönschrift (ich war 17 Jahre Lehrerin und kann das beurteilen, hehe) trägt der Trommelschlumpf oben links das Datum ein, hält „THE GOLDEN GRASS“ als Überschrift fest, listet fein säuberlich die gespielten Titel auf und unterschreibt mit „Captain Adzo“ und Herzchen. Süß!

Foto: Judithphone

Den Abschluss bilden THE SONIC DAWN aus Kopenhagen, die ebenso wie THE GOLDEN GRASS im Jahr 2013 als Band zusammenkamen, sich aber schon von Kindesbeinen an kennen. Räucherstäbchen, Blümchenhemden, geglättetes Langhaar, Miniatur-Traumfänger an der Klampfe. Klingt nach Klischee? Mag sein. Doch das Vintage-Rock-Trio spielt nicht nur psychedelischen Rock mit Elementen aus Folk, Jazz und Acid Rock, es zelebriert sie, es lebt sie. Das sieht man, das hört man, das riecht man und das spürt man. In puncto Sixties-Authentizität erreichen die drei Dänen somit die volle Punktzahl. 

Warm und gefühlvoll, entspannt und lässig transportieren Emil Bureau (Gesang, Gitarre), Niels ‚Bird‘ Fuglede (Bass) und Jonas Waaben (Schlagzeug, Backing Vocals) heute Abend mit einer beneidenswerten Lockerheit 17 musikalische Botschaften von Frieden und Liebe. Emil Bureaus hochgradig melodischer Gesang umschmeichelt dabei sein geschmackvolles Lead-Gitarrenspiel, das immer wieder nostalgische Erinnerungen an die Doors, die Beatles und Hendrix aufkommen lässt und dessen versierte Soli einige Kinnladen mehr als einmal Richtung Brustbein ziehen. Jonas Waaben bearbeitet derweil tiefenentspannt und regungslos die Felle und Becken, als fahre er mit Tempo 140 nachts über die leere A4. Und so ist es kein Wunder, dass sich zu dieser späten Stunde eine kongeniale Mischung aus Begeisterung, Trance und Ekstase unter den Anwesenden breitmacht. Die Palette der Songauswahl ist umfangreich und weist Titel auf von „Perception“ (2015), „Into the Long Night“ (2017), „Eclipse“ (2019) sowie vom letzten Album „Enter the Mirage“ aus 2020. Als Zugabe gibt es mit „UFO“ den perfekten Entschleuniger, der uns nach diesem fantastischen Abend selig den Betten entgegen taumeln lässt und vermutlich schöne Träume bescheren wird. 

Text: Judith

Fotos: ©kirstenrockt

Foto von Adam Kriney, sitzend: Judith 

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