
(jm) Und noch ein Bericht über das Freak Valley… echt jetzt? Was gibt es eigentlich noch zu sagen? Auf unzähligen Kanälen ist schon so wahnsinnig viel Positives über dieses Festival geschrieben worden. Allein meine RockBlogBluesSpot-Teamkolleginnen und Kollegen haben in den letzten Tagen so viel (Achtung Beweihräucherung!) coole Texte veröffentlicht, das ich mir die ganze Zeit sage: Hey, die schreiben direkt aus dem Herzen, genauso ist es gewesen, was gibt’s dazu noch anzumerken, außer dass ich vielleicht zum jeweiligen Zeitpunkt ein anderes Getränk getrunken habe…? Oder besser hätte trinken sollen, denn Wasser – welches jederzeit kostenlos zur Verfügung stand – kam bei mir zumindest phasenweise definitiv zu kurz, obwohl das aufgrund der opulenten Temperaturen in diesem überbordenden musikalischen Schmelztiegel dringend notwendig gewesen wäre. Aber das ist eine andere Geschichte…
Zu kurz kam neben Wasser (und ich mag Wasser!) bisher auch meine persönliche Perspektive auf diese drei Tage im Siegerland, die ich seit 2013 bis auf eine Ausnahme immer fest in meinem Kalender eingeplant habe. Vielleicht mache ich auch nicht so viele Worte, weil meine Fotos das ausdrücken sollen, was hier passiert. Denn das ist mein Anspruch: Meine Bilder sollen die Emotionen des Moments für die Welt danach sichtbar machen. Die Leidenschaft der Musiker, die Gefühle und Energie der Fans in der Menge, die Gedanken greifbar, die Musik im Geiste hörbar. SEE THE MUSIC nenne ich das…










Neben einigen meiner persönlichen Favoriten-Fotos von Menschen VOR der Bühne, die für sich sprechen sollen, gibt es hier auch einen kleinen, rein subjektiven (und vielleicht auch nur fotografischen, wenn man die nächste Galerie anschaut) Erklärungsversuch, warum dieser Ort so ist wie er ist und warum er auf alle die dabei waren, immer wieder so eine unglaubliche Faszination ausübt.


















Paralleluniversen werden immer dann sehr gern auf den Plan gerufen, wenn sich bestimmte wissenschaftliche, zwischenmenschliche oder auch popkulturelle Phänomene nicht mehr erklären lassen. Und obwohl die tatsächliche Existenz dieser Universen nicht bewiesen ist, bleibt die Idee selbst ein spannendes Konzept, das stets verschiedenste philosophische Fragen aufwirft. Vor einigen Jahren las ich ein Essay über die Filme von David Lynch, in dem die Handlung von „Lost Highway“ so erklärt wurde, dass der Hauptprotagonist Fred immer zwischen zwei Paralleluniversen hin und her springt und dabei zunehmend den Verstand verliert.
Genauso ist es auch mit dem Freak Valley Festival: Man verliert einfach den Verstand, wenn man nicht innerhalb von 365 Tagen wieder ein Teil dieser Welt aus Musik, Leidenschaft, Energie, Empathie, Toleranz und nicht zuletzt Party sein darf. Wir brauchen also unbedingt Zugänge von einer Welt zur anderen. Für mich und zahlreiche Gleichgesinnte ist einer dieser Zugänge seit vielen Jahren die Pension Otto in Brauersdorf. Das ist sozusagen der Ort der Transformation.
„Der Zugang“ beherbergt neben vielen meiner langjährigen Freunde inzwischen ausnahmslos lieb gewonnene und geschätzte Menschen aus ganz Deutschland, die meine Leidenschaft für Musik, die Fotografie, das Schreiben für den Blog und die einzigartige Atmosphäre des Festivals teilen. Nicht zu vergessen die gastfreundliche Familie Otto selbst, bei denen wir uns inzwischen schon beinahe wie Familienmitglieder fühlen, da hier drei Generationen an unseren Festivaleskapaden Anteil nehmen und dabei nicht unerheblich zu unserer täglichen Regeneration beitragen. Hierbei helfen neben den Unmengen von Kaffee unter anderem das vom jüngsten Sohn zubereitete Rührei zum Katerfrühstück oder der von Oma Otto um 11:30 Uhr morgens servierte Kräuterschnaps gleichermaßen…






Aber weiter mit der Transformation. Check-In in der Pension Otto, gefühlt pro Neuankömmling ein Wiedersehensbier, Outfit-Check, Taxibestellung und ab auf Festival. Wenn wir am ersten Tag am Tatort eintreffen, braucht es meist eine ganze Stunde, um alle Menschen, die man hier oft nur einmal im Jahr trifft, zu begrüßen. Am Ende dieser ersten Reise über das Gelände (zahlreiche weitere – teilweise auch Flugreisen – werden in den nächsten Tagen folgen) treffen wir immer Sabrina und Django aus Bremen – die – auch wie immer – links vor der Bühne stehen, nicht weit vom Bierstand und zumeist mit ihrer „Festivaltochter“ Zoe. Für die nächsten drei Tage sind wir fast wie eine Camping-Familie. Unsere wichtigsten Aufgaben: den Bands lauschen, Kritiken austauschen, fachsimpeln, Fotos machen, Bier trinken, lachen. Und das Ganze wieder von vorn…




Dann den Fotograben mindestens siebenundzwanzig Mal entern: Hier ist grundsätzlich zu wenig Platz, doch wir arrangieren uns untereinander und mit dem Kamerateam des WDR für den Rockpalast-Livestream ohne jeden Stress. Die Kamera-Assistentin, deren Namen ich nicht weiß, achtete stets hochkonzentriert und akribisch darauf, das sich auf keinen Fall ein Kabel verhedderte. Wenn sie doch bemerkte, das sie beobachtet wurde, hatte sie immer ein Lächeln auf den Lippen.



Unter all den Menschen in der Menge, die ich teilweise auch ungefragt festgehalten habe, entdeckte ich am letzten Abend in der ersten Reihe Celina bei THE SWORD. Ihr Gesicht war die meiste Zeit nicht erkennbar, weil es hinter ihrer fliegenden Mähne verschwunden war. Trotzdem konnte ich ihr Lachen sichtbar machen. Es fiel mir schwer zu entscheiden, auf welchem Foto die Haare nun am schönsten fliegen… Aber genau das ist es: Ich will das innere Lachen, die Begeisterung, die Energie sichtbar machen. Und auf dem Freak Valley Festival gibt es unfassbar viel davon.



Diese kleinen Episoden und Momentaufnahmen stehen stellvertretend für eine außergewöhnliche Fülle besonderer Momente und Ereignissen mit lautem Lachen, kompletter Gänsehaut, schweigendem Genießen, fließenden Freudentränen, festen Umarmungen, wortlosem Verstehen und selbstverständlich UNGLAUBLICH VIEL AUFREGENDER MUSIK! Ich weiß, dass ich sehr viele tolle Menschen nicht erwähnt habe. Ich weiß, dass ich gern noch mehr Fotos von Menschen gemacht hätte und dass ich gar nichts über die Bands, die Rockfreaks und all die vielen engagierten Menschen im Hintergrund des Festivals geschrieben habe. Das ist beabsichtigt. Denn ich muss nur eins sagen:
Lass das kein Paralleluniversum sein, denn die Welt ist ein viel besserer Ort mit Tälern wie diesem…
… in der Realität. (Jens M.)




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