Zwischen Garage, Krautrock, Psychedelia, Post-Punk und Electronica – kontrolliertes Chaos als Prinzip auf dem zweiten Album von TOMMY AND THE TELEBOYS
(jm) Es gibt Alben, die brauchen Zeit, um verstanden werden. Und es gibt Bits And Pieces, Poorly Explained von TOMMY AND THE TELEBOYS. Der Titel ist tatsächlich Programm: Hier wird nichts fein säuberlich sortiert, erklärt oder in eine eindeutige Genreschublade einsortiert. Stattdessen wirft das Quartett Garage-Rock, Krautrock, Psychedelia, Fuzz, Post-Punk und Electronica in einen Topf, rührt mehrmals kräftig um – und lässt das Ergebnis anschließend mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit auf den Hörer los.
Dabei ist das Besondere nicht einmal die stilistische Vielfalt. Es ist die Haltung dahinter. TOMMY AND THE TELEBOYS klingen nicht wie eine Band, die möglichst viele Einflüsse, so nach dem Motto – „hör mal, was wir alles können“ – demonstrativ vorzeigen möchte. Sie bedienen sich ihrer musikalischen Werkzeuge, wann immer sie gerade passen. Ein Song darf swingen, schweben, lärmen oder plötzlich komplett die Richtung wechseln. Die Musik bleibt dadurch ständig in Bewegung und entwickelt eine eigene, schwer vorhersehbare Dramaturgie.
Dazu passt auch die Entstehungsgeschichte, die diesen kreativen Schmelztiegel wohl zusätzlich begünstigt hat. Das Album wurde in unterschiedlichen Proberäumen und Studios selbst aufgenommen und anschließend über Monate hinweg in drei verschiedenen Wohnungen gemischt. DIY ist bei TOMMY AND THE TELEBOYS also keine bloße ästhetische Behauptung, sondern essenzieller Teil der Arbeitsweise.
Besonders reizvoll ist dabei das Spiel mit den Erwartungen des Hörers. Viele Stücke beginnen vergleichsweise entspannt, laden zum Mitwippen oder Swingen ein – und zünden dann plötzlich ihre musikalischen Tretminen. Aus dem relaxten Groove kann innerhalb weniger Sekunden eine krachende Gitarrenwand werden. Die Band täuscht an, biegt ab und schlägt dann unerwartet zu. Genau das macht einen großen Teil des Reizes für das neue Album aus.
„Everyday“ bringt dieses Prinzip besonders schön auf den Punkt. Der Song kommt zunächst beinahe beschwingt und harmlos daher, bevor er die freundliche Fassade zerlegt und deutlich rockiger wird. Gleichzeitig nimmt er sich die Hustle-Kultur, Dubai-Träume und das Mantra der permanenten Selbstoptimierung vor – irgendwo zwischen 90er-Alternative-Rock und digitalem Gehirnrauschen.
„Atmen“ schlägt anschließend deutlich härtere Töne an und gerät zum bedrohlichen Headbanger. „Carl Mc Pautney“ verneigt sich vor dem Garagenrock und macht gleichzeitig den Bassisten zum Helden. Und „OK Hole“ verwandelt Liebesgefühle in einen süßlich-chaotischen Rausch, der Folk mit Garage-Psych verbindet und schließlich in regelrechten Gitarrenexzessen endet.
Mit „Pretty Nice To Meet You“ zeigt die Band schließlich eine romantische, aber keineswegs zahmere Seite. Eine flüchtige Begegnung wird zum Song, der zwischen Krautrock, Noise und schief grinsender Rock’n’Roll-Romantik schwebt. Dass diese Begegnung nur für die Dauer eines Liedes existiert, passt wunderbar zu einem Album, das sich generell lieber Momentaufnahmen als großen Erklärungsmodellen widmet.
Überhaupt richtet Bits And Pieces, Poorly Explained den Blick stärker auf die kleinen Dinge. Wo der Vorgänger Gods, Used, In Great Condition aus dem Jahr 2024 noch stärker von großen konzeptionellen Bögen geprägt war, geht es diesmal um Liebe, Kunst, Unsicherheit, Lethargie, Dates, FOMO (Fear Of Missing Out – die Angst, etwas zu verpassen), Rauchen, Bassisten oder schlicht um einen guten Abend mit den richtigen Leuten. Es ist ein Potpourri aus Beobachtungen, Gedanken und Stimmungen – eben „poorly explained“.
Das Ergebnis ist ein Album, das seine Widersprüche gar nicht auflösen will. Laut und relaxt, tanzbar und sperrig, verspielt und aggressiv, groovy und lärmend: TOMMY AND THE TELEBOYS machen aus diesen Gegensätzen keinen Konflikt, sondern ihre eigentliche musikalische Identität. Und vielleicht ist genau das die große Stärke dieser Band. Sie versuchen nicht, das Chaos zu beseitigen. Sie machen Musik daraus.
Bits And Pieces, Poorly Explained erweitert das Televersum um neue Farben, Brüche und Eigenarten. Ein Album wie eine Playlist, bei der man nie genau weiß, was als Nächstes kommt – und gerade deshalb immer noch einen Song weiterhört oder die Platte einfach nochmal auflegt, um sie beim nächsten Mal vielleicht noch besser zu verstehen.
Fazit: TOMMY AND THE TELEBOYS liefern mit Bits And Pieces, Poorly Explained kein Album für Genre-Schubladen-Denker, sondern eines für offene Ohren. Wer Garage, Psychedelia, Krautrock, Fuzz und Post-Punk nicht als getrennte Abteilungen betrachtet, sondern als Material für einen möglichst wilden musikalischen Spielplatz, wird hier ziemlich viel Freude haben. (Jens M.)
TOMMY AND THE TELEBOYS live
- 18.09.2026 – Recklinghausen, Backyard Club (mit The Pighounds)
- 19.09.2026 – Hannover, Nordstadtbraut im Ihmekult
- 20.09.2026 – Frankfurt, Dreikönigskeller (mit The Pighounds)
- 21.09.2026 – Bamberg, Live Club
- 22.09.2026 – Hamburg, Betty
- 23.09.2026 – Köln, EDP / Em Drügge Pitter
- 24.09.2026 – Mainz, Beben
- 25.09.2026 – Plauen, Malzhaus (mit EinsEinsEins)
- 26.09.2026 – Erfurt, Klanggerüst (mit EinsEinsEins)
- 20.11.2026 – Memmingen, Mood Club
- 28.11.2026 – Arnstadt, Telefest x Bachadvent
Kontakt & Infos
Offizielle Bandseite
Instagram
Facebook
TOMMY AND THE TELEBOYS auf Bandcamp
Noisolution – TOMMY AND THE TELEBOYS
Filed under: Album Reviews, Garage Rock, Krautrock, Album Reviews, Noisolution, Rezension, Tommy and the Teleboys






