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Electric Orange – Krautrock From Hell

electric orange(je) Es ist eigenartig, aber es fällt mir gar nicht leicht, diese Aufzeichnung zu beginnen… Mit dieser ungewöhnlichen verbalen Einleitung eines seriös wirkenden Sprechers beginnt der „Krautrock aus der Hölle“ – von Sulatron Records bereits 2010 auf CD veröffentlicht. Nun, auch wenn das Erscheinungsdatum dieses düsteren Machwerkes inzwischen fast fünf Jahre zurück liegt: Im Gegensatz zum oben genannten Herren fällt es mir sehr leicht, diese Rezension zu beginnen, denn „Krautrock From Hell“ ist vor kurzem erstmalig bei Adansonia Records auf Vinyl erschienen! Natürlich limitiert, auf 180 g Doppel-Vinyl in orange oder schwarz mit einem schweren Klappcover in neuem Artwork. Während ich diese Zeilen verfasse, besteht jedoch durchaus die Gefahr, dass alle Editionen des Werkes bereits vergriffen sind. Absolut zu Recht, denn die Aachener Neo-Krautrocker ELECTRIC ORANGE haben mit diesem Album eine wohltemperierte Mischung aus Krautrock, 70s Electronics, 70s Prog, hypnotischen Rhythmen sowie Space & Psychedelic abgeliefert. Der „Krautrock from Hell“ wirkt auch heute noch zeitlos dunkel, geheimnisvoll und völlig abgefahren:
Die musikalische Reise beginnt mit „Bandwurm“ ein schier nicht zu Ende gehendes Stück, dass sein Leitmotiv wie ein Mantra ständig wiederholt und den Hörer in einen tranceartigen Zustand versetzt, so dass er nach vollständigem Genuss nun willenlos bereit ist, sich auf die restlichen sechs Stücke einzulassen.
Weiter geht es mit „Sundos“ – einem rätselhaften, psychedelischem Track mit teils orientalischen Einflüssen, unendlich vielen Breaks, Rhythmuswechseln und merkwürdigen Passagen. „Sundos“ ist angeblich ein arabischer Mädchenname und bedeutet so viel wie „weiche Seide“. Nach weicher Seide hört sich das zwar nicht an, aber es schmiegt sich durchaus in die willigen Gehörgänge, wenn man sich bereits auf das Universum von „ELECTRIC ORANGE“ eingelassen hat.
„Chorg (Cpt.Gyrok’s)“ – das zehnminütige, düstere und atmosphärische Monster von einem Song, zählt für mich zu den Höhepunkten des Albums. Wabernde Gitarren, opulent ausgebreitete Orgelklangteppiche und betörende Percussionklänge entrücken mich von dieser Erde und katapultieren mich direkt in die Unterwelt. Und die ist wohl orange…
Mit „Hers“ darf ich noch ein wenig im undefinierten psychedelischen Raum herum schweben, solange bis das zähe Intro vorüber ist und ich durch den Nebel erneut die Stimme des merkwürdigen Herren vernehme, welcher mir nun bestätigt, dass ihm die „Verbindung in dieser Form nun durchführbar erscheine“ – wohl wahr, schält sich doch nur wenig später aus dem Dunkel ein richtig guter Song mit Gesang heraus. „Hers“ nimmt insofern eine Sonderstellung auf dem nahezu vollständig instrumentalen Album ein.
Mit „Kunstkopf“ driftet das Werk in sehr experimentelle elektronische Gefilde ab. Ich frage mich, wie wir aus diesem merkwürdigen Universum jemals wieder heraus kommen sollen? Aber das war und ist wahrscheinlich zu keiner Minute die Absicht der Protagonisten. Unwillkürlich fühle ich mich bei diesem Stück an den britischen Science Fiction „Zardoz“ aus dem Jahre 1974 erinnert. „Zardoz“ spielt auf der Erde, in einer post-apokalyptischen Zukunft des Jahres 2293. Die Erdbevölkerung hat sich gespalten in die „Brutalen“ und die „Ewigen“. Die Ewigen kontrollieren und beherrschen die „Brutalen“ über eine künstlich geschaffene Gottheit, einen fliegenden Steinkopf, der „Zardoz“ heißt – der „Kunstkopf“ also…Den muss ich mir unbedingt nochmal anschauen, um festzustellen, ob mich der Film wiederum an ELECTRIC ORANGE’S „Kunstkopf“ erinnert…
Doch dazwischen steht noch ein 25 minütiger Monolith von einem Song „Neuronomicon“. Der Titel ist wohl eine bewusste Anspielung an das Buch „Necronomicon“ – die wohl berühmteste Schöpfung des US-amerikanischen Autors H. P. Lovecraft, der Anfang des 20. Jahrhunderts lebte. Dieses fiktive Buch ist ein Teil des Cthulhu-Mythos, wobei es in die Horror- und Fantasy-Literatur eingegangen ist, wie kaum ein anderes und seit dem zahllose Musiker und Schriftsteller inspiriert hat. Das hier geschaffene akustische „Neuronomicon“ ist nicht minder geheimnisvoll, düster und faszinierend.
Es ist also kein Wunder, dass man nach intensivem Genuss der vorangegangenen Passagen in einem „Wurmloch“ verschwindet, das mir als Hörer noch einmal alles abverlangt. Indes vermag ich heute noch nicht zu sagen, ob meine nächste Rezension aus einem anderen Universum zu Volker gelangen wird. Aber sie – die Wurmlöcher – sind ja alle nur theoretische Gebilde, die sich aus Feldgleichungen der Relativitätstheorie ergeben. Hat sich jedoch sehr praktisch angehört bei ELECTRIC ORANGE. Viel Spaß beim musikalischen Selbstversuch. Ich bin dann erstmal weg. Im Wurmloch verschwunden. Vielleicht lese ich ein wenig Neuronomicon. Oder treffe Cpt. Gyroks. Alles scheint möglich. Ich muss nur die Platte nochmal umdrehen….(Jens)

Electric Orange image(Sulatron Records 2010/ Adansonia Records 2014)

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