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Bob Marley – Exodus 40 – The Movement Continues

(tn) 1977 war ein warmer Sommer. Am 15. Mai sollte Bob Marley in München spielen. Und für den 3. Juni war die Veröffentlichung seines neuen Albums „Exodus“ angekündigt. Ein Jahr zuvor war „Rastaman Vibration“ erschienen, mit dessen Veröffentlichung Marley international bekannt wurde – und womit er auch die kleinen Plattenläden im Norden der Republik erreichte. In der ersten Heftnummer der „Sounds“ des Jahres 1977 war über das Attentat auf Bob Marley berichtet worden. Nach dem Mordanschlag im Dezember 1976 und der schwierigen politischen Situation in Jamaika waren er und die „Wailers“ nach London gegangen.
Im den ersten Monaten des Jahres wurden die Aufnahmen für „Exodus“ gemacht. Die Auswahl der Titel übernahm Produzent Chris Blackwell und stellte aus dem Material gleich noch die Setliste für das Nachfolgealbum „Kaya“ (1978) zusammen. Marley blieb noch eine Weile in London, bemerkte – und reagierte – die musikalischen Veränderungen in der Stadt. Denn man konnte das London des Jahres 1977 nicht wirklich als die Stadt des „Reggae“ bezeichnen: Punk und Wave eroberten die Stadt, kurz danach die Welt.

Allerdings war Reggae bei den Vertretern von Punk und Wave gut angesehen. Mit „Trojan Records“ – übrigens von Chris Blackwell und Lee Gopthal gegründet – war eines der wichtigsten britischen Label für Ska und Reggae mit seinen Firmensitz und seinen Studios in London ansässig. Hinzu kam, dass Reggae bei den Spearheads des Punk den Ruf von hoher Ursprünglichkeit und Authentizität hatte. So dokumentiert und reflektiert „Punky Reggae Party“ – einer der interessantesten Songs aus dem Umfeld der „Exodus“-Aufnahmen – diese Rolle des Punk und Wave in Marleys Songwriting und seiner Wahrnehmung der musikalischen Entwicklungen – dokumentiert auf dem vierten Vinyl der vorliegenden „Exodus“-Box.

Im Laufe der ersten Jahreshälfte waren die meisten der „Wailers“ schon nach Jamaika zurückgekehrt. Marley wollte seinen neuen Song „Punky Reggae Party“ trotzdem aufnehmen. Zusammen mit Lee „Scratch“ Perry, dem Seismographen für gesellschaftlich Veränderungen, wurde „Punky Reggae Party“ mit den Musikern von „Aswad“ und „Third World“ im Juli 1977 eingespielt.
Den Hörern stand der Song auf einer noch Ende 1977 erschienenen Maxi-EP zur Verfügung – die allerdings den Weg selten in die kleinen Plattenläden des Nordens fanden. Erst mit der Veröffentlichung des Albums „Babylon by Bus“ (1978) konnte man etwas über Punk-Bands aus London hören – in einer Live-Version (5:38). Marley singt: „New wave, new craze / Wailers still be there / The Jam, The Dammed, The Clash / Wailers still be there / Dr. Feelgood too, ooh“.

Hier bekam man im Jahr 1978 einen schwerwiegenden Hinweis, dass die verschiedenen Musikstile miteinander in Verbindung treten könnten, ganz über die Genregrenzen hinweg. Und das es offensichtlich Zusammenhänge gibt! Aber wer waren „The Jam“, „The Dammed“ und „The Clash“. „Dr. Feelgood“ kannte man schon, aber die anderen Bands? So wurde „Exodus“ bzw. „Babylon by Bus“ unversehens zum Botschafter des Punk, was im Dezember 1979 zur folgenschweren Anschaffung des Albums „London Calling“ von „The Clash“ führte – immerhin hatte Reggae-Marley darauf hingewiesen. Das „Clash“-Debüt von 1977 sollte erst wesentlich später den Weg ins Plattenregal finden. Aber 1978 waren „The Clash“ eine ziemliche Menge Innovation.
Das „Punky Reggae Party“ eigentlich zu „Exodus“ gehörte, macht auch die 2001 veröffentlichte remasterte Version des Albums deutlich, das mit den Bonustracks „Jamming“ – in einer „Long Version“ – und „Punky Reggae Party“ – in einer sechs Minuten und fünfzig Sekunden dauernden Fassung – veröffentlicht wurde.

Die vorliegende Veröffentlichung zum vierzigjährigen Jubiläum des Albums berücksichtigt in mehrfacher Hinsicht die erwähnten Fakten und Umstände der Geschichte des Albums. Insofern kann man zwar auf die zwei- oder dreiteilige Edition auf Silberlingen zurückgreifen, aber wirklich sinnvoll für das Plattenregal erscheint nur die sogenannte „Super Deluxe Edition“ auf Vinyl. Hier wurden vier Longplayer auf Vinyl und zwei 7inches in eine ordentlich gemachte Box gepackt und mit einem umfangreichen Booklet im Vinylformat versehen – wobei die beiden Singles auch bisher unveröffentlichtes Material enthalten – u.a. eine alternative Version von „Waiting In Vain“.

Auf dem ersten Vinyl findet man das Original-Album mit zehn Tracks von 1977. Das zweite Vinyl enthält „Ziggy Marley’s Exodus 40“, das ein identisches Tracklisting wie das Originalalbum bietet, aber eine von Ziggy Marley neu interpretierte Version des Albums enthält. Es wurde neu abgemischt und die Idee für diese Albumversion wurde von dem Gedanken getragen, die Aufnahmen so zu mischen, wie Bob Marley den Sound für sein Album heute sich wünschen würde. Dabei hat Ziggy Marley durchaus gravierende Eingriffe in die Albumstruktur vorgenommen. Er entdeckte zehn bisher unbekannte Gesang-Demos seines Vaters, aus denen er einen neuen Gesanglinie für „One Love“ destillierte und mit ausgelesenen Musiker nahm er einen neuen Hintergrund für „Turn Your Lights Down Low“ auf, auf dem der Originalgesang von Bob Marley liegt – und im Endergebnis eine durchaus beeindruckende Variante des Songs hörbar macht. Zusammenfassend eine moderne Version von „Exodus“, die man sich unbedingt anhören sollte.

Live-Fassungen einiger Songs findet man auf dem dritten Vinyl, das Aufnahmen von „Natural Mystic“, „So Much Things to Say“, „Guiltiness“, „The Heathen“, „Positive Vibration“, „Jamming“ und „Exodus“ aus dem Rainbow Theatre in London enthält, aufgenommen zwischen dem 1. bis 4. Juni 1977.
Ein absolutes Highlight ist das vierte Vinyl „Punky Reggae Party“, das sowohl eine über neunminütige Version von „Punky Reggae Party“ enthält, als auch die dazugehörige Dub-Version – beide bisher unveröffentlicht – und einen bisher unveröffentlichten „Extended Mix“ von „Keep On Moving“.
Für die Fans sei hier noch ein Hinweis gestattet: Es wird von den Songs noch weitere Remixe von Stephen Marley geben, die allerdings ausschließlich in Jamaika und der Karibik erhältlich sein werden.

Zusammenfassend eine Box, wie man sie sich als Hörer nur wünschen kann. Man hat historischen Verständnis bei der Veröffentlichung beweisen, es wird vom Jahr 1977 eine Brücke zur Gegenwart geschlagen und mit bietet neues Material, das musikalisch und historisch relevant ist – und nicht nur den Eindruck von der Plünderung der Restkiste vermittelt. Die Box gehört in das Plattenregal, auch wenn das Originalalbum dort schon steht – oder gerade deshalb!…(thomasneumann)

Label: Island
Jahr: 1977 / 2017
Format: 4LP+2×7″ | 3CD | 2CD
VÖ Vinyl Super Deluxe Edition: 30. Juni 2017
VÖ CD-Boxen: 26. Mai 2017

Line Up des Original Albums:
Bob Marley – Gesang, Akustische und Rhythmusgitarre
Aston „Familyman“ Barrett – Bass
Carlton Barrett – Schlagzeug
Aston „Familyman“ Barrett – Gitarre
Junior Marvin – Gitarre
Tyrone Downie – Keyboards
Julian (Junior) Marvin – Gitarre
Percussion – Alvin „Seeco“ Patterson, Aston „Familyman“ Barrett*, Bob Marley, Carlton Barrett, Tyrone Downie
Backing Vocals – Judy Mowatt, Marcia Griffiths, Rita Marley, Tyrone Downie

Tracklist:
Exodus 40 – The Movement Continues [Super Deluxe Edition]
Vinyl 1 – Bob Marley & The Wailers, Exodus (Original Version)
A1. Natural Mystic
A2. So Much Things to Say
A3. Guiltiness
A4. The Heathen
A5. Exodus
B1. Jamming
B2. Waiting in Vain
B3. Turn Your Lights Down Low
B4. Three Little Birds
B5. One Love/People Get Ready

Vinyl 2 – Ziggy Marley’s Exodus 40 – The Movement Continues
A1. Natural Mystic
A2. So Much Things to Say
A3. Guiltiness
A4. The Heathen
A5. Exodus
B1. Jamming
B2. Waiting in Vain
B3. Turn Your Lights Down Low
B4. Three Little Birds
B5. One Love/People Get Ready

Vinyl 3 – Exodus Live, recorded live at Rainbow Theatre, London, June 1-4, 1977
A1. Natural Mystic
A2. So Much Things to Say
A3. Guiltiness
A4. The Heathen
B1. Positive Vibration
B2. Jamming
B3. Exodus

Vinyl 4 – Punky Reggae Party
A1. Punky Reggae Party
A2. Punky Reggae Party Dub
B1. Keep On Moving

7” Single 1
A1. Waiting in Vain
B1. Roots

7” Single 2
A1. Smile Jamaica (Part One)
B1. Smile Jamaica (Part Two)

Video
Unboxing – https://www.youtube.com/watch?v=arr_2Z2dszo
Bob Marley: Exodus – https://www.youtube.com/watch?v=43cfPgZ8cU8
Bob Marley: Exodus / Redemption Song – https://www.youtube.com/watch?v=eJg15MYFbVU

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