rockblog.bluesspot

musikalisches schreibkollektiv

MaidaVale – Madness Is Too Pure

(js) Wenn Ihr euch fragt, wo all die schnell aufstrebenden, hart rockenden, rein weiblichen internationalen Acts sind, schaut einfach nicht weiter als bis zu den schwedischen „MaidaVale“. Seit ihrer Gründung im Jahr 2012 hat diese Band dafür Sorge getragen, dass niemand mehr die Macht weiblicher musikalischer Talente und deren explosiver Bühnenperformances (u.a. auf dem „Freak Valley Festival 2017“ dargeboten) unterschätzt. Gemeinsam als Band haben sie einen so lauten, psychedelischen und experimentellen Blues-Rock-Sound mit einem unfassbaren Groove kreiert und dabei einen derart intensiven Ehrgeiz entwickelt, der sofort all meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.

Nun also steht der zweite Longplayer an, von dem gemeinhin gesagt wird, dass er generell der schwierigere sei, weil vor Allem eine gewisse Leichtigkeit, die man dem ersten Werk noch eingestehen durfte, bisweilen verfliegen kann. Wobei die Betonung auf „kann“ liegt. Muss es nämlich nicht. Und das beweisen die vier Damen nur allzu deutlich. Auf „Madness Is Too Pure“ ist der Jamcharakter des Erstwerks ein wenig zurück geschraubt worden, aber dies tut diesem musikalischen Kunstwerk überhaupt keinen Abbruch. Vielmehr ist man grundsätzlich experimenteller geworden, wovon der geneigte Hörer sich aber keineswegs abschrecken lassen sollte. „MaidaVale“ scheinen eine längst in Vergessenheit geratene Fundgrube eines musikalischen Geistes der rockigen 60er und 70er entdeckt zu haben und bereichern diese geradezu spielerisch mit neuen, weil ein wenig härteren und noch psychedelischeren, Elementen.

Mit ihrem „trippigen“ Albumcover und dem Albumtitel „Madness Is Too Pure“ hat MaidaVale einen ästhetisch ansprechenden Versuch unternommen, sicherzustellen, dass Artwork und Titel die neun Tracks in sich widerspiegeln. Der erste Track auf dem Album enthält ihre erste Video-Single namens „Deadlock“. Es startet mit kratzigen Gitarren und ein Tribal Beat katapultiert uns direkt in einen harten, fordernden Basssound. Dieses Lied fühlt sich im Vergleich zu ihrer vorherigen Arbeit beinahe ein wenig zu zurückhaltend an, aber Sofia Ström belehrt uns mit ihrem großartigen fuzzig-verzerrten Gitarrenspiel umgehend eines Besseren. Als nächstes folgt die zweite Video-Single namens „Oh Hysteria !“. Dieser Song erzeugt eine fantastische Spannung mit dunklen punkigen Vibes, die vom gesamten Instrumentalensemble beinahe hypnotisch mit eingebracht wird. Linn bietet eine unerbittliche wie simple Bassline, die jedoch nicht ansatzweise in der Lage zu sein scheint, Sofias wildgewordene Gitarre in Schach zu halten. Matilda Roth macht sich diese dunkle Atmosphäre zu Nutze und überzeugt währenddessen mit tiefen Vocals und einfachen Texten.

„Gold Mind“ birgt einen starken Rock-Vibe der 70er Jahre in sich, wobei Matilda perfekt eine Gesangsdarbietung an den Tag legt, die mich sehr stark an Pat Benatar erinnert. In diesem Song erhält „Gitarrenfee“ Sofia die Möglichkeit, sich musikalisch fast ein wenig zurückzunehmen und hält sich für den größten Teil des Songs an ihre Akkorde, ohne sich allzu frei und experimentell zu geben, während Schlagwerkerin Johanna einen treibenden Beat hält, der mich einfach nicht zur Ruhe kommen lassen will. Gut so! Angefangen mit einem ätherischen Gitarren-Intro, trägt „Walk In Silence“ die Absicht in sich, ein leiserer Song zu sein. Bis zum Hauptriff, welches flugs einsetzt, um mich kompromisslos vom Gegenteil zu überzeugen. Die Strophe ist in sich eher träge und schwerfällig, gleichwohl aber unglaublich spannend und fügt sich wieder spielerisch in das Hauptriff ein, welches von einem „Shredding“-Solo überlagert ist, um diesen recht kurzen, aber abenteuerlichen, Track zu beenden

„Späktrum“ führt mit gedämpftem Picking, einer groovigen Bassline und eher sanft daher kommenden Vocals in einen experimentellen Moment mit dissonanten Windspielen. Die Breaks im Song sind kraftvoll und fordernd. Und hinter den gequälten Schreien, die Matilda Roth hier entgehen, paaren sich harte Gitarrenklänge und treibende Drums geradezu symbiotisch. Das Lied nimmt zudem gegen Ende eine kantigere Wendung, eine grundlegende und auch typische Eigenschaft von „MaidaVales“ Fähigkeit auf diesem Zweitwerk. Nämlich ihre unzähmbare Energie in ein kakophones Crescendo zu verwandeln. Der sechste Track, „Dark Clouds“, baut entspannt eine luftige, bluesige Atmosphäre auf, die durch scharfe Gitarreninterludien ausgeglichen und durch tiefe Vocals ergänzt wird. Das ist ein wunderbares Lied, zu dem es sich spät in der Nacht noch mit heruntergelassenen Scheiben durchs Viertel cruisen lässt. Dieser Song trägt ganz einfach ein unwiderstehliches „Noir-Blues-Feeling“ in sich. Einzig das Outro fühlt sich für mich etwas zu lang an und man hätte ihm noch einen anständigen Hook oder einen zusätzlichen Gesangspart verpassen können.

Trance ist, wie wohl auch nicht anders zu erwarten, ein komplett experimentelles und psychedelisches Unterfangen. Mit einem einmal mehr unwiderstehlichen Beat, seltsam anmutenden Synth-Effekten, einer pulsierenden, sich wiederholenden Basslinie und Matildas unheimlicher, aber kräftiger Stimme, lässt man diesen Song geradezu sphärisch entgleiten. Bevor dieser jedoch mittels Lin Johannesson schwerem Basshaken und Sofia’s funky-fuzziger Gitarre wieder ins Hier und Jetzt befördert wird. „She Is Gone“ wird im Anschluss durch eine komplexe Bassline und ein fast ein wenig gestutztes Gitarrenspiel getragen. Johannas Drumming lässt zudem einmal mehr ein Tribal-Feeling hinter dem modernisierten Bluesrock-Gewand aufkeimen. Das „heavy feeling“ dieses Liedes bietet eine feine Abwechslung und darf gern als starkes Zeichen für MaidaVales Potential, auch originellen und wilden Hardrock darzubieten, angesehen werden.

Der letzte Track auf „Madness Is Too Pure“ ist das ambiente „Another Dimension“. Ausgehend von einer einfachen auf- und absteigenden Basslinie bilden Sofias klirrende Gitarre und Matildas tiefe Stimme ein düsteres Thema, das sich für mich fast ein wenig der Langeweile nähert. Diese Stimmung wird auch nicht durch das stark verzerrte Gitarrensolo gemildert, welches im Gegensatz zu der energiearmen Trägheit des Songs steht. Leider fühlte sich das wie ein musikalischer Tiefpunkt an, dieses Album zu beenden. Das einzige Experiment auf diesem fantastischen Longplayer, welches bei mir persönlich nicht wirklich vollends zündet.

Letztendlich aber liebe ich es, wenn Alben mir abverlangen, sich mit ihnen längerfristig auseinanderzusetzen. Wenn sie geradezu einfordern, sie immer wieder anzuspielen. Um zu guter Letzt ein eigenes, selbstredend subjektives, Selbstverständnis zu entwickeln. Exakt dieses Gefühl durfte ich bei „Madness Is Too Pure“ erleben. Es bedurfte dazu tatsächlich einiger Durchläufe, die ich diesem Kunstwerk aber ohne Wenn und Aber zugestanden habe. Es ist sicherlich komplex, bisweilen gar verkopft, aber trotzdem authentisch. Hier wird nicht experimentiert, um des Experimentierens Willen. Kein Lied ist wie das Andere, jedes lebt sein eigenes Leben. Diese Scheibe ist fesselnd, treibend, hypnotisch und kommt – vermutlich – einem Drogenrausch nahe. Also wenn es nicht beim ersten Mal zünden sollte, gebt diesem Output eine zweite oder gar dritte Chance. Die einzige Frage, die sich mir nun noch stellt: in welche Richtung soll dieser großartige musikalische Weg, noch fortgesetzt werden? Aber das muss ich zum Glück nicht heute beurteilen.

Tracklist:

01 Deadlock (3:06)
02 Oh Hysteria! (4:52)
03 Gold Mind (4:44)
04 Walk In Silence (3:23)
05 Späktrum (4:14)
06 Dark Clouds (6:14)
07 Trance (3:46)
08 She Is Gone (3:02)
09 Another Dimension (4:49)

https://www.facebook.com/maidavaleswe/?ref=br_rs
https://freighttrain.se/sv/vinyl/maidavale.html

 

Filed under: 70s, Album Reviews, Bluesrock, Classic Rock, Hardrock, Heavy, Psychedelic, Rock, ,

April 2018
M D M D F S S
« Mrz   Mai »
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
30  

Link zu unserem You Tube Kanal

Ryan McGarvey Spring Tour 2018

Freak Valley Festival 30.05. – 02.06. 2018 – SOLD OUT

Rock`N`Booze Open Air Schraub Bar Bückeburg am 02.06.18

Sue Foley Tour 2018

Judas Priest + Special Guest Megadeth Live 2018 in Deutschland

Freak Valley Festival Refueled am 30.06.18 im Vortex/Siegen

Stick & Stone Festival Nikolsdorf/Austria am 06. + 07.07.18

Bukta Open Air Festival in Tromsø/Norwegen vom 19.07 – 21.07.18

Magnificent Music Festival 2018 Berlin 07. + 08.09.18

Magnificent Music Festival 2018 Jena 07. + 08.09.18

Psyka Festival Vol. 4 in Karlsruhe/Walhalla 14.09. – 15.09.18

Wild Dogs Festival in der Kulturfabrik Löseke in Hildesheim am 29.09.18

Diese Artikel werden gerade gelesen:

%d Bloggern gefällt das: