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0101 – 0101

(as) Diese LP ist im inflationären Vinyl-Boom ein wahrer Schatz in niedriger Auflage und edler Aufmachung, die auch dem exklusiven Inhalt gerecht wird. Jede Plattenseite enthält nur einen knapp länger als eine Viertelstunde dauernden Track, der jeweils auf Feldaufnahmen aus dem neuguineischen Dorf (!) Kambot beruht. Entstanden ist diese Musik im Rahmen der preisgekrönten Kurzdokumentation „Kanu belong Keram“, einer Auftragsarbeit fürs Kulturmuseum Basel, über den herben Alltag der Dschungelbewohner im Verhältnis zum vergleichsweise lauen Leben in der sogenannten zivilisierten Welt. Das Material wurde erstmals im Verbund mit Videoprojektionen beim 2015er Dokfest in Kassel vorgestellt und lässt sich ausdrücklich auch nur gemeinsam mit der visuellen Komponente erfassen.

Die Urheber sind zwei langjährige musikalische Kollaborateure aus Rosenheim, der international hochangesehene Filmproduzent, Fotograf und Hochschullehrer Daniel von Rüdiger, der Film und Musik auch für eine Dissertation verwendete, sowie ein Gitarrist aus dem linksalternativen Milieu namens Carl. Seit drei Jahren agieren die beiden unter dem Namen „0101“ und haben schon mehrere Konzerte mit dem Stoff gegeben (als audiovisuelle Performance „1Hz“ tituliert), der nun auf diesem selbst betitelten Album verewigt wurde. Es handelt sich um eine Live-Aufnahme, die sich von der Studioproduktion für die Dokumentation unterscheidet. Reinhard Gross, dem das Label Hicktown Records mitsamt angegliedertem Studio gehört, ist ein enger Zuarbeiter des Duos.

Wie klingt „0101“ nun also genau, bzw. wo lässt es sich stilistisch einordnen, falls überhaupt? In ihrer Gesamtheit beschreiben die beiden Stücke eine Kreisbewegung wie die Loops selbst, aus denen sie größtenteils Teil bestehen; am Ende von „Kanu“ wähnt man sich zurück an den Anfang von „Sago“ versetzt, wobei die Titel für die gezeigten Tätigkeiten der Eingeborenen stehen – die Sago-Ernte und der Bau eines Einbaums. Die dabei entstandene, repetitive Geräuschkulisse fungiert praktisch als rhythmisches Fundament für eine Art von auf Rockmusik bezogen dekonstruktivistischem Gitarrenspiel. Carl verfremdet die Klänge seines Instruments beinahe Calypso-artig oder macht sie im Kontext eines Spaghetti-Westerns vorstellbar, wohingegen die synthetischen Sound eine mechanische oder schlicht dröhnende Anmutung aufweisen

Die Konstrukte wirken phasenweise aseptisch, ja nachgerade abstoßend, gewinnen ihren Reiz jedoch letztlich aus dem steten Kontrast zwischen analoger Wärme und unterkühltem Digitalsound, erzeugt mit Drum-Samples, Sequenzer und nicht ohne weiteres entschlüsselbarem Lärm. Dieses Wechselbad der Klangtemperaturen mag sich auch dadurch ergeben haben, dass Gross die über Raummikrofone in einer Hall begünstigenden Fabrikanlage mitgeschnittene Darbietung klassisch mit einem alten Tonbandgerät vom Typ Struder A80 abgemischt hat; die Aufnahme bleibt unbelassen schroff, die Nachbearbeitung verleiht ihr etwas Anheimelndes.

Am Ende mag man „0101“ salopp Post Rock nennen; in jedem Fall ist es durch den Zweck des Einsatzes bedingt cineastisch – ein beachtenswerter Soundtrack gänzlich anderen Typs und nur für eine Special-Interest-Klientel vorgesehen. Die sauber gepresste und mit gefütterter Tasche in einer Hülle aus angenehm griffiger, brauner Pappe steckende Scheibe vermittelt einen entsprechenden Eindruck, denn jede der lediglich 100 wurde individuell bedruckt und stellt somit ein Unikat dar.

https://www.facebook.com/0101AV

Hicktown Records/Cargo

33:04

Tracklist:

Kanu

Sago

Besetzung:

Daniel von Rüdiger (Loops, Drumcomputer, Sequenzer)

Carl (Gitarre)

Andreas Schiffmann

Filed under: Album Reviews, Postrock, Rock, ,

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