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We Hunt Buffalo – Head Smashed In

(js) Jedes Mal, wenn eine Band ein neues Album veröffentlicht, hält ihre Fanbase wohl einen Moment inne oder auch nervös den Atem an. Und stellt sich Fragen. Werden sie genauso klingen wie auf ihren vorherigen Alben? Sind sie vielleicht weicher geworden oder mir zu experimentell? Hoffentlich haben sie den Sound, den sie in all den Jahren hatten, nicht völlig aufgegeben. Oder, um all diese Ungewissheiten in einer Frage zu kanalisieren: wird das neue Album liefern?

Um mal kurz der folgenden Rezension vorzugreifen: ja verdammt, die kanadischen Fuzz-Rocker aus Vancouver haben geliefert. Und nicht nur das: sie haben sich musikalisch fortentwickelt, sie haben ihren Sound sogar verfeinert. Drei Jahre nach ihrem „Fuzzorama“-Debut „Living Ghosts“ kehren sie mit „Head Smashed in“ in einer 43-minütigen Ansammlung von modernen, progressiven und heavy-fuzzigen Klängen zurück. Die Abstimmung unter den Musikern ist dabei unglaublich nuanciert und ruft eine kontinuierliche Spannung hervor. Was zu guter Letzt sicherlich auch der knackigen Produktion zu verdanken ist.

Vom Opener „Heavy Low“ über “Angler Must Die“, “Prophecy Wins“ und das instrumentale „Get in the Van“ hält das kanadische Trio wunderbar das Gleichgewicht zwischen detailgetreuen „proggy“ Parts, gewichtiger Kraft, tollen Rhythmen bis hin zu einem fast schon traditionellen Gespür für Ohrwürmer. Der erste Track, und gleichzeitig auch die erste Single, „Heavy Low“ beginnt recht langsam und schlammig. Also exakt das, was man vom „Fuzz-Rock“ erwarten darf. Eine schwere und tiefe Grundstimmung, die genial in einen fast schon epischen Refrain führt. Wohl nicht umsonst hat man diesen Song zuerst ausgekoppelt. Das Album damit zu eröffnen war in meinen Ohren eine perfekt Wahl, weil der Song von Beginn an nach Aufmerksamkeit schreit und ich diesem Wunsch nur allzu gern nachkomme.

Während „Angler Must Die“ werden die Zügel ein wenig angezogen und das fantastische Organ Ryan Forsythes zeigt sich hier in seiner „shoutigeren“ Variante. Leicht „neoproggig“ treten hier leise musikalische Vergleiche zu „Mastodon“ auf. Überhaupt gefallen mir die kanadischen Büffeljäger am meisten, wenn sie ihren Sound mit einer leicht psychedelischen Note würzen. Wie auch bei „Prophecy Wins“. Hier stellt das Trio unter Beweis, dass ihr durchaus kräftiger, schmutziger Sound immer wieder auch sehr aparte Blüten trägt. Hier liegt der Fokus auf einer beinahe melodiösen Grundstimmung, die aber im weiteren Verlauf fast spielerisch psychedelische Sphären betritt. Ohne dabei jedoch die Kopfnick-Komponente aus den Augen zu verlieren.

Das instrumentale Intermezzo „Get In The Van“ birgt im Anschluss eine leicht punkige Attitüde in sich. Dieser Song klingt beinahe wie ein improvisierter Jam, der wild und doch strukturiert zugleich daher kommt. Und direkt den Weg für die Midtempo-Walze „Industry Woes“ frei macht. Dieses Stück ist anders als die bisherigen, verhält sich sogar eher konträr. Er klingt undurchsichtig, fast (zu) schräg. Aber gerade als man hier an den ersten musikalischen Ausfall denkt, löffelt der Chorus die gesamte Suppe wieder aus. Eine letztlich doch perfekte Symbiose, die uns die Kandier hier präsentieren.

Wie anspruchsvoll und doch eingängig diese neue Platte ausfällt, untermauert vielleicht „The Giant’s Causeway“ (benannt nach einer außergewöhnlichen Steinformation in Irland) am besten. Hier denkt man zunächst an eine Halb-Ballade, letztlich verbirgt sich aber eine verkopfte, psychedelische Rock-Hymne mit mächtigem, alles umarmenden, Refrain hinter der ausladenden Spielzeit. Die fantastischen Drums wecken im Laufe dieses Songs den musikalischen Riesen peu à peu auf und fortan kommt er auf die Füße und walzt alles fast spielerisch nieder. Dabei wird weder an Melodien, noch an feinem, cleanem Gesang gespart. Und auch „Anxious Children“ fällt mit seinen Stoner-Prog-Harmonien zunächst ein wenig aus dem Rahmen, macht sogar „Baroness“ Konkurrenz. Kriegt aber letztlich auch hier die Kurve in Richtung „Classic Rock“. Dieser recht getragene Song, in dem erstmals bluesige und schwermetallische Elemente auf den Plan treten, wird im Übrigen von Cliff Thiessen mit einem schön groovigen Bass-Intro eingeläutet. Den formidablen Abschluss dieses Albums macht die kraftvolle Ballade „God Games“, vielleicht der emotionalste Moment auf „Head Smashed In“. Wobei „emotional“ wahrscheinlich nicht die treffendste Formulierung ist. Denn auch hier verweilt der Sound tonnenschwer und ist gespickt mit doppelstimmigen Leads.

Noch nie zuvor habe ich „We Hunt Buffalo“ derart spielerisch und abwechslungsreich erlebt. Erneut erkennt man eben – wie auch schon ganz leise auf dem Vorgänger „Living Ghosts“ – die markante Handschrift des Produzenten Jesse Gander, der in den letzten 20 Jahren beinahe alle Badass-Bands aus Vancouver (u.a. „Anciients“, „Bison B.C“, „The. Pack A. D.“ oder auch „White Lung“) unter seinen inspirierenden Fittichen hatte.

„Head Smashed In“ ist auch deshalb ein Album, welches ohne Wenn und Aber in jede ordentliche „Stoner-, Fuzz-Sammlung“ gehört. Auch wenn die eigentlichen musikalischen Trademarks erhalten geblieben sind, kommt der neue Output deutlich proggiger und verträumter daher; ja beinahe schon etwas verklärt. Das kanadische Trio verknüpft die musikalischen Fäden der letzten Platten in gefühlt alle Himmelsrichtungen und scheint sich dabei rundum wohlzufühlen. Verspielte Rock-Hymnen, Prog-Monster und schwerfällige Jams geben sich für dieses höchst kurzweilige Studiowerk nur müde lächelnd die Klinke in die Hand. Dass man diesbezüglich aber nicht immer so genau weiß, wo man „We Hunt Buffalo“ nun exakt musikalisch einordnen soll, erhöht meinen „Gute-Laune-Faktor“ nur umso mehr.

Tracklist:

01. Heavy Low
02. Angler Must Die
03. Prophecy Wins
04. Get In The Van
05. Industry Woes
06. The Giant’s Causeway
07. Keep It Refreshing
08. Anxious Children
09. Good Games

https://www.facebook.com/wehuntbuffalo/
http://wehuntbuffalo.com/

Filed under: Album Reviews, Heavy, Jam, Prog, ,

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