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Van Wolfen – Vom Feinsten (Remixed & Remastered)

(hwa) Micky Wolf heißt er tatsächlich und Van Wolfen ist der Künstlername. Der ist ein Blues-Rocker vom Feinsten (mit deutschen Texten!) und dem breiten Publikum vermutlich überwiegend unbekannt. Das Klischee vom Blues-Wunderkind erfüllt er allerdings mit links – seine Jobs als Krankenpfleger, Regalauffüller im Supermarkt, Güterwaggon-Reiniger bei der Reichsbahn in Berlin-West, Ringsprecher beim Boxen, Juror beim „Deutschen Rock-Pop-Preis“ und „John Lennon-Award“ haben ihn maßgeblich geprägt.

Anfang der 80er zog er von Berlin nach Hamburg. Mitverantwortlich für diese Entscheidung war wohl Panik-Orchester-Gründungsmitglied Gottfried Böttger, der Micky während eines Berlin-Besuchs live im Radio gehört hatte und am nächsten Tag bei ihm anrief und den Satz „Micky, wir brauchen dich in Hamburg“ in den Hörer bettelte.

Und in der Tat: Wolf wurde gebraucht und spielte zeitweise in vier Bands gleichzeitig. Bei RUDOLF ROCK & die SCHOCKER, DUESENBERG (feat. Joachim Witt), bei „Teufelsgeiger“ LONZO – mit seinem Hit „Die Dinosaurier“ – und in der ACHIM REICHEL-BAND. Laut Waschzettel hat Micky Wolf auf über 500 Produktionen weltweit seine Spuren hinterlassen. Unter anderem bei: DIE ÄRZTE, SAMY DELUXE, RAMMSTEIN, THE BOSS HOSS, ZELTINGER, OHRENFEINDT, LILLI BERLIN, MASTERPLAN, ROBERT RANDOLPH, DELTA MOON, VDELLI, DEDE PRIEST, TAMARA DANZ (SILLY) oder MOLLY HATCHET, um nur die Wichtigsten zu nennen.

Heute spielt Micky mit seiner Band Van Wolfen eine höchst interessante Neu-Interpretation des Blues mit deutschen Texten. Micky Wolfs enorme gitarristische Kompetenz in allen Spieltechniken – vom Countryblues der 1940er Jahre, über den elektrischen Chicago-Blues im Stil von Muddy Waters und Namensvetter Howlin´ Wolf bis hin zu Swamp Style-Slides oder Texas Blues (Stevie Ray Vaughan) – verbindet sich mit Hip-Hop-Beats, Loops und Noise zu einem eigenständigen, unverwechselbaren Van Wolfen-Sound.

Zudem hat er – neben den am Ende dieses Artikels genannten Musikern – die meisten Tracks dieser höchst bemerkenswerten Compilation (2009 – 2019) selber eingespielt. Also neben Gesang und Gitarren, den Bass, die Harp und das Schlagzeug. So schilderte er es mir kürzlich am Telefon. In jenem Gespräch kamen noch höchst bemerkenswerte Anekdoten zum Vorschein.

So wurde Micky Wolf einstmals von Gunter Gabriel eingeladen, ihn zu Johnny Cash in die Staaten zu begleiten. Unvermittelt fand sich Wolf am Mittagstisch von The Man In Black wieder, zusammen mit Cashs Familie, also Rosanne Cash und June Carter.
Ein Privileg allererster Güte.

Außerdem hat Wolf bei einem Konzert in Frankreich „um sein Leben spielen müssen“, wie es im Waschzettel einsilbig heißt. Wie Micky erzählte, war er damals als Support von UFO in Mühlhausen gebucht. Die bühnentechnischen Elektroinstallationen waren wohl extrem veraltert. Daher blieben auch UFO nach einem Soundcheck dem Auftritt später fern. Durchaus möglich, dass Stromausfälle oder gar Stromstöße das Ganze hätten torpedieren können Und was macht Micky?

Er stellt sich mit seiner Sologitarre auf die Bühne und „spielt um sen Leben.“ Aber das Publikum wartete ja eigentlich nur auf UFO – und Micky bemerkte, dass die Stimmung irgendwann kippte. Jedenfalls – so die Legende – gelang es ihm gerade noch, rechtzeitig zu flüchten. So etwas prägt.

In 2016 entdeckte Wolf seine Liebe zur Cigarbox-Guitar: 3-saitig, 4-saitig, 5-saitig. Instrumentalmusik für Film- und Fernsehproduktionen entstanden. Eine veritable Einnahmequelle für einen einigermaßen sorgenfreien Lebensunterhalt. Und mit dieser exquisiten Compilation „Vom Feisten“ (2009 bis 2019) wird er hoffentlich noch besser dastehen.

Sein Timbre erinnert mich unmittelbar an das von Frank Zander. Verblüffend, wie die rauchige und tiefe Stimme der von Frank ähnelt. Aber auch im Hinblick auf beispielsweise Stefan Stoppoks Texte gibt es Ähnlichkeiten. Irgendwie sind alle drei so etwas wie Brothers in Heart.

Die Texte betreffend arbeitete Micky Wolf bei dieser Compilation bei sechs Tracks mit Claus Dieter Eckardt zusammen. Der Name sagt wahrscheinlich wieder Mal nur Insidern etwas. Aber Eckhardt zeichnete beispielsweise als Texter für den legendären Titelsong zu „Großstadtrevier“ von Truck Stop verantwortlich. Und Holger Grabowski, der für Truck Stop „Ich möcht’ so gern Dave Dudley hör’n“ textete, ist der Co-Autor bei „Mir“ (Track elf).

Möchte hier als Beleg C.D.Eckhardts „Zwei Meter unter’m Gras“ (Track 10) mit freundlicher Genehmigung im Auszug zitieren. Der Refrain lautet: „Zwei Meter unter’m Gras, da liegt das Paradies. Ist aber ziemlich schwer und gibt nix her. Zwei Meter unter’m Gras, da macht der Wurm sich breit. Doch solang ich leb’, geb ich lieber Gas. Das Paradies hat Zeit!“ (Zitatende). Das Ganze wird in einem fast schon Uptempo-Blues-Duktus offeriert.

Einfach nur wunderbar!

Wie ich ja häufig zu schreiben pflege: „Dieses Album gehört gehört!“
Ein Album, das mich geknackt hat – und das will was heißen! Micky sagte mir am Telefon: „Das, was ihr da hört, bin ich PUR!“ Davon bin ich in jeder Hinsicht überzeugt.
Und Billy Gibbons von ZZ Top hat es vermutlich schon vor Jahren in den Satz gegossen: „Micky, you’re born in the wrong country“.

Und gerade deshalb: Danke Tom und danke Micky für diese Überraschung!
So etwas tut gut in diesen dramatischen Corona-Zeiten. Man sollte zuhause bleiben und sich nur dem „Feinsten“ widmen. Wie zum Beispiel dieser CD.

(Heinz W. Arndt)

Van Wolfen „Vom Feinsten – Remixed & Remastered“
Sireena Records 2205
17 Tracks
Laufzeit: 60:45 min
VÖ: 27. März 2020

Tracklist:
01) Peter Gunn (H. Mancini) Instrumental
02) Ich Glaube
03) Wolfslied
04) Fertich
05) Ghostriders In The Sky (Stan Jones) Instrumental
06) Ich Hab Roy Black Gesehen (Neuaufnahme)
07) Männerhass
08) Zähle Nie Dein Geld Am Tisch
09) Anton’s Cha Cha (Instrumental)
10) Zwei Meter Unter’m Gras
11) Mir
12) Jackie
13) Babs & Gila
14) Der Blues
15) Cigarbox Boogie (Van Wolfen)
16) Ich kriege keine Luft
17) Aber Du

Musicians:
Reggie Worthy (Bass „Ich glaube“ und „Zähle nie Dein Geld am Tisch“)
Axel Flemming (Harp bei „Anton’s Cha Cha“ und „Fertich“)
Chris Laut (Harp bei „2 Meter Unter’m Gras“).
Alle übrigen Instrumente by Micky Wolf.

http://www.vanwolfen.de

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