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SOL Sonic Ride IV im Schlachthof Wiesbaden am 27.06.2026

(jul) Endstation Hitze-Schlachthof:  Willkommen in Weedbaden. Knapp 40 Grad. Kein Lüftchen. Keine Gnade. Das SOL Sonic Ride IV wurde zur Feuerprobe für Menschen, Musiker und Material. Amps schwitzten, Gitarrensaiten glühten und selbst der Asphalt schien unter den schweren Riffs weich zu werden. Aber der BlogChef und ich hatten Asbest aus der Tube aufgelegt und uns für den RBBS mal wieder weit aus der Komfortzone bewegt.

Eigentlich hätte es schon der erste Warnschuss sein müssen. Noch bevor Wiesbaden überhaupt in Sicht kam, quittierte die Klimaanlage in Volkers feuerrotem Rockmobil kurzzeitig ihren Dienst. Selbst sie schien beschlossen zu haben, dass knapp 40 Grad einfach nicht mehr ihr Zuständigkeitsbereich waren. Erst an der Stadtgrenze erbarmte sie sich und sprang wieder an – als wolle sie sagen: „Ab hier seid ihr auf euch allein gestellt.“

In der wohltemperierten Lobby des Intercity Hotels  brachten wir erstmal zwei eiskalte Dosenbiere zur Verdunstung, bevor wir uns fußläufig zum Schlachthof bewegten. Obwohl „Bewegung“ rückblickend ein übertriebenes Wort ist. Es gab an jenem Samstag eigentlich nur die Aggregatzustände flüssig oder gasförmig.

Am Festivalgelände angekommen, wurde der historische Wasserturm am Kesselhaus für ein paar Minuten zur rettenden Oase, bevor wir uns unter Bill Bushfires Schatten am Gästelisten-Check-in einreihten. Während ich möglichst wenig Oberfläche der Sonne anbot, kam Volker kaum zehn Meter weit. Von allen Seiten schallte ihm sein inzwischen legendäres „Liebe Freunde!“ entgegen – mal von Bekannten, mal von Menschen, die man offenbar nur auf Festivals kennt. Dann öffneten sich die Tore. Und Os Solaris begannen pünktlich um 14:20 Uhr, die Open-Air-Bühne auf Betriebstemperatur zu bringen. Die Nürnberger ließen ihre hypnotisch schweren Riffs und Grooves unbeirrt über den Innenhof rollen, obwohl vor der Bühne zunächst gähnende Leere herrschte. Stattdessen sammelten sich die Besucher unter Sonnensegeln, Schirmen und am erlösenden Wasservorhang. Jeder Quadratzentimeter Schatten war an diesem Nachmittag wertvoller als ein Platz in der ersten Reihe. Der staubtrockene Sound passte perfekt zu dieser flirrenden Hitze: schwer, hypnotisch und irgendwo zwischen Wüstenrock und Hitzefieber. Chapeau Jungs – das war souverän!

Weiter ging es im Kesselhaus mit der Pasteurisierung von Green Milk From The Planet Orange. Gute 40 Minuten lang lieferten die drei Japaner bei gefühlten 65 Grad feinsten Psychedelic Rock ab und brachten den ohnehin schon aufgeheizten Kessel endgültig zum Kochen. Zwischen vertrackten Krautrock-Ausflügen, spacigen Klanglandschaften und druckvollen Hard-Rock-Eruptionen entwickelte sich ein hypnotischer Sog, dem man sich nur schwer entziehen konnte. Exzentrisch, virtuos und herrlich unberechenbar – genau so, wie man Green Milk From The Planet Orange erleben möchte.

Der Wechsel in den klimatisierten Schlachthof fühlte sich danach an wie ein Kurzurlaub. Um 16:00 Uhr betraten The Heavy Eyes die Bühne und nutzten die angenehmeren Bedingungen für eine gehörige Ladung dreckigen Blues Rock mit ordentlich Stoner-Schlagseite. Die vier Amerikaner aus Memphis, Tennessee, groovten sich entspannt, aber druckvoll durch ihr Set, ließen ihre Riffs schwer rollen und zeigten eindrucksvoll, wie sich erdiger Blues und wuchtiger Fuzz-Sound zu einem unwiderstehlichen Ganzen verbinden können. Keine große Show, keine überflüssigen Ansagen. Einfach ehrlicher Rock’n’Roll mit sauber ineinander greifenden Gitarren und einer ordentlichen schiebenden Rhythmus Fraktion. Leider hinkte der Sound etwas hinterher. Hallen-Schicksal!

Das sollte bei den nachfolgenden Electric Citizen allerdings noch stärker zuschlagen. Laura Dolans Stimme schien sich zu Beginn irgendwo hinter den Verstärkern versteckt zu haben und wollte den Weg ins Publikum einfach nicht finden. Ihre Bühnenpräsenz half drüber weg und so sorgte der Vintage Hardrock aus Cincinnati doch noch für ein begeistertes Publikum in der inzwischen sehr gut gefüllten Halle.

Genug abgekühlt! Nach diesem Hallen-Doppel ging es wieder raus auf den Grill. Diesmal mit Daevar aus Kölle – ming Heimat. 18 Uhr und ich hatte auf Erbarmen gehofft, aber der Planet brannte unverändert weiter. Erstaunlich, welche Meute sich dann trotzdem vor der Outdoor Stage eingefunden hatte. Die drei Doom Metaller dankten es dem Publikum mit einem fetten Set und Pardis, die sich Backstage den ganzen Nachmittag über mit einem feuchten Handtuch umwickelt vor der Kernschmelze bewahrt hatte, lief zur Bestform auf.

Der Boden war somit bestens vorbereitet für Yawning Man. Auch die Wüstenrock-Legenden aus Kalifornien spielten um 19:05 Uhr unter freiem Himmel. Eine authentischere Kulisse für ihren hypnotischen, weitläufigen Sound hätte man sich kaum wünschen können. Die Hitze schien ihren meditativen Riffs eine zusätzliche, flirrende Intensität zu verleihen. Es war eine Qual und ein Genuss zugleich, in der prallen Sonne zu stehen und sich von ihren Klanglandschaften davontragen zu lassen.

Elephant Tree machten anschließend genau das, was Elephant Tree am besten können: Sie ließen den Schlachthof vibrieren. Langsam, schwer und mit dieser unverwechselbaren Mischung aus Doom, Grunge und Psychedelic rollten die Londoner durch ihr Set. Der Hallensound fraß zwar die eine oder andere Nuance, doch die Wucht der Songs blieb ungebrochen. Statt technischer Perfektion gab es Atmosphäre satt. Für mich gehörte dieser Auftritt zu den musikalischen Höhepunkten des Tages. Ich mag die Jungs einfach wegen ihrer positiven Energie.

Dirty Sound Magnet hatten das Vergnügen, um 20:50 Uhr draußen zu spielen. Die Schweizer, die wir erst kürzlich beim Junkyard Open Air in Dortmund in ähnlicher Gluthitze erlebt hatten, schienen auch hier wieder völlig unbeeindruckt von den Temperaturen. Stavros exzentrische Bühnenpräsenz und ihr funkiger, psychedelischer Hard Rock entfalteten sich mit gewohnter Energie. Es schien, als würden die Jungs überhaupt nicht schwitzen – ein Phänomen, das angesichts der Umstände fast schon übernatürlich wirkte. Ihr Set war ein weiterer Beweis für ihre Live-Qualitäten, die selbst unter extremsten Bedingungen bestehen.

Zu den beiden Headlinern des Abends Truckfighters und Uncle Acid & The Deadbeats ging es dann zurück in die Halle. Eine wahre Erleichterung – das Outdoor Programm war geschafft! Vorher gab es allerdings draußen noch eine heiße Show der Extraklasse mit Bauchtanz und Feuer-Performance. Faszinierend!

Die Schweden legten sich mal wieder ordentlich ins Zeug. Luftsprünge noch und nöcher aus der frisch geölten Fuzz-Maschine. Truckfighters neues Material „Masterflow“ klingt für mich allerdings nicht anders als das alte. Für die wahren Fans war es aber eine perfekte Show und die Halle war dann zum ersten Mal am Tag auch richtig knackevoll.

Ich hatte mich sehr auf Uncle Acid & The Deadbeats gefreut. Nachdem ich sie auf dem Freak Valley Festival schon bestaunt, bewundert und genossen hatte, war ich gespannt was sie beim SOL Sonic Ride mit 80 Minuten Set anstellen würden. Und ich wurde nicht enttäuscht! Nachdem ich den sonst als unnahbar und distanziert geltenden Kevin Starrs an diesem Tag Backstage schon äußerst gelassen und plaudrig erlebt hatte, war der Auftritt auch von einer ungewohnten Lockerheit geprägt. Obwohl der Perfektionist Kevin Starrs nichts was auf der Bühne passiert dem Zufall überlässt. Das Licht war selbstverständlich einmal wieder des Fotografen Graus – aber Volker hat das Beste rausgeholt und sogar Gesichter erwischt. Im Set waren die Klassiker und ein Querschnitt aus den Alben Wasteland, Night Creeper und Blood Lust. Ich fand’s grandios!

Als sich nach Uncle Acid & the Deadbeats langsam die Reihen lichteten, endete ein Festivaltag, der seinem Motto alle Ehre gemacht hatte. Das SOL Sonic Ride IV war weniger ein gemütlicher Konzertbesuch als vielmehr eine Hitzeschlacht, die Musiker, Crew und Publikum gleichermaßen auf die Probe stellte. Gerade deshalb wird dieser Tag in Erinnerung bleiben. Nicht trotz der 40 Grad – sondern auch wegen ihnen.

Ein großes Dankeschön geht an Matte Vandeven und das gesamte Team von Sound of Liberation für die Einladung auf die Gästeliste und die herzliche Atmosphäre im Backstage-Bereich. Trotz der extremen Bedingungen war überall spürbar, mit wie viel Leidenschaft, Gelassenheit und Improvisationstalent dieses Festival auf die Beine gestellt wurde. Genau diese Mischung macht Sound of Liberation seit Jahren zu einem der wichtigsten Motoren der europäischen Stoner-, Doom- und Psychedelic-Rock-Szene.

Wir sehen uns beim nächsten Sonic Ride. Hoffentlich mit ein paar Grad weniger – aber mindestens genauso vielen großartigen Bands.

Jules Text, Photos Jules + Volker

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