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MOTHER ENGINE – Absturz

Mother Engine front

(je) Das MOTHER ENGINE aus Sachsens Südwesten heute instrumentalen Stoner Rock spielen, geschah eigentlich aus einer Notsituation heraus, denn 2011 verließ der Sänger Clemens Roscher die Band. Der Kern, bestehend aus Cornelius Grünert (Schlagzeug), Christian Dressel (Bass) und Chris Trautenbach (Gitarre) hat seit dieser Zeit intensiv am monumentalen Soundgewand aus Stoner, Psychedelic und Post Rock geschmiedet, dass sich erstmals 2012 im Debütalbum „Mother Engine“ eindrucksvoll manifestierte.

Nun liegt das zweite Werk des Plauener Trio vor und erscheint in wenigen Tagen – zunächst leider nur als CD-Version auf dem von der Band selbst gegründeten Label „Gebrüder Schall“. Eine Vinylversion soll natürlich folgen. Und es besteht nach meinem ersten Eindruck durchaus die Möglichkeit, dass die Stadt im Vogtland bald nicht mehr nur für ihre Spitze bekannt ist. Zugegebenermaßen gehen die Jungs nicht ganz so filigran zur Sache wie die begabten Vertreter des Stickereihandwerkes dieser Region, jedoch legen sie nicht weniger Wert auf authentisches und abwechslungsreiches Material! Im Gespräch mit Gitarrist Chris erfahre ich, dass der Prozess des Songwritings knapp 2 Jahre in Anspruch genommen hat. Und wie schon beim ersten Album wurde das gesamte Werk in drei Tagen live eingespielt, um möglichst maximal Synergie und Energie zwischen den Musikern frei zu setzen, wie sie sonst nur bei Konzerten entstehen würde.

Warum kam es aber, trotz unüberhörbarer musikalischer Weiterentwicklungen, zum „Absturz“ der Mother Engine? Das bleibt auch nach exzessivem Konsum des Albums weiter der Phantasie des Hörers überlassen. Bevor ich mich aber auf die musikalische Reise begebe, werfe ich zunächst einen intensiven Blick auf das Artwork des Covers, für das einmal mehr die mit der Band befreundete Künstlerin Eusepia Lehe verantwortlich zeichnet und inzwischen als heimliches viertes Bandmitglied gilt. Das mit viel Liebe zum Detail entwickelte, gebaute und später fotografierte 3D-Modell des Absturzortes der Mother Engine erinnert mich ein wenig an die aufwändigen Installationen des amerikanischen Fotokünstlers Gregory Crewdson, der hier vielleicht ein wenig für Inspiration gesorgt hat. Eusepia’s Arbeit für das Cover wirkt um so beeindruckender, wenn man weiß, wie klein ihr Realisierungsbudget im Vergleich zu Crewdson’s Werken sicherlich war. Das muss man in Widescreen sehen! Da freue ich mich doch schon auf die Vinylversion mit Gatefold-Cover!

Mother Engine Absturz Wide

Und was spielt sich vor meinen Augen ab? Ich sehe den Absturzort der Mother Engine auf einem fremden, unwirtlich erscheinenden Planeten. Von den drei Besatzungsmitgliedern fehlt jede Spur – sie sind nirgendwo zu sehen. Meine Augen scannen die Frontscheiben der Engine und die Oberfläche des Planeten intensiv – nichts… Ist hier irgendwo ein Lebenszeichen zu erkennen? Ich kann nichts finden. Die einzige Möglichkeit, mehr zu erfahren, ist demnach die Auseinandersetzung mit dem musikalischen Inhalt des „Absturzes“. Also rein in die Rettungskapsel, ausgeklinkt, Rettungsfallschirm auf und runter auf den Wüstenplaneten „X Alpha Wolf 538“…

Nach dem Lesen der sechs Albumtitel „Nebel – Wüstenwind – Lichtung – Relief – Sonne – Hangar…“ startet sofort mein Kopfkino und vermutet eine zusammenhängende Story hinter „Absturz“, was mir Chris auch grinsend bestätigt. Ein instrumentales Konzeptalbum legt natürlich nur eine Fährte aus und wohin der einzelne Hörer geführt wird, das liegt ganz an Interpretation und Phantasie des Einzelnen … Und was habe ich nun gehört, nachdem ich die Rettungskapsel geöffnet hatte?

Zunächst sitze ich tatsächlich im „Nebel“ fest und bin etwas desillusioniert, ob es wohl die richtige Entscheidung war, mich auf „X Alpha Wolf 538“ einzulassen. Doch irgendwann verpasst mir die Musik den richtigen Energieschub und ich raffe mich auf. Raus aus dem Sumpf, raus aus dem Nebel, kämpfe ich mich durch das Dickicht und es dauert nicht allzu lange und mir weht der…

Wüstenwind“ heiß ins Gesicht. Die Musik unterstreicht die Hoffnungslosigkeit der Situation: Sand soweit das Auge reicht, eine erdrückende, unendliche Weite und keine Gewissheit, ob es eine „andere Seite“ überhaupt gibt. Doch ich spüre, dass die Besatzung von Mother Engine noch am Leben sein muss, dass die drei noch irgendwo da draußen sein müssen und mache mich auf, sie zu finden. Die musikalische Energie des „Wüstenwinds“ peitscht mich durch diese tödliche Region und ich erreiche endlich eine…

Lichtung“. Hier kann ich für einen Moment innehalten und neue Kraft schöpfen. Wasser, Essen und womöglich sogar Bier, Rauchwaren und faszinierende, intensive Musik! Im Traum erscheinen mir merkwürdige Visionen: Ich entdecke endlich die Besatzungsmitglieder und wir betrinken uns aus lauter Wiedersehensfreude hemmungslos, bis wir das…

Relief“ des Bodens von „X Alpha Wolf 538“ mit jeder Faser unseres Körpers spüren. Als ich erwache, habe ich das Gefühl, die Gravitation hat sich verdoppelt. Jede Bewegung fällt mir schwer, auch meine neu gewonnenen Freunde haben damit schwer zu kämpfen: Auf diesem „Relief“ werden keine Gefangenen gemacht, es herrscht endloser Druck und am Ende hören wir eine Stimme, die stark an Clemens Roscher, den alten Sänger der Mother Engine erinnern. Oder war das nur in unserem Kopf?

Sonne“ bringt es dann an den Tag, das ist offensichtlich nicht so, denn jetzt gibt es auch noch Frauengesang zu hören, ein absolutes Novum! Im Mother Engine-Universum symbolisiert die Sonne die Macht zwischen Gut und Böse, dem Alles und Nichts, dem Leben und Tod. Sina Griebenow griff hier zum Mikrofon und schlüpft in die Rolle der Schöpferin und Mutter um den Kampf zwischen Gut und Böse zu auszufechten. Gut für uns!

… Denn zum krönenden Abschluss landen wir im rettenden „Hangar“! Wir hören Maschinengeräusche, Quietschen und Schleifen, Zivilisation! Essen, Trinken, Schlaf, das Schiff wird repariert und wir können diesem unwirtlichen Planeten endlich den Rücken kehren…

Und als Mother Engine endlich wieder abhebt, werfe ich einen letzten Blick auf den „Absturz“. Es hat sich einiges verändert an Bord: Die Songs sind länger, erwachsener, differenzierter, aufregender geworden … Und auch wenn ich in manchen Momenten – und das ist durchaus als Kompliment gemeint – an The Machine oder Radar Men From The Moon erinnert werde, so drängen sich doch weniger Parallelen auf als gedacht. Hör Dir das mal an: Das sind doch Mother Engine, verdammt noch mal! Und das am besten live auf dem Desertfest in Berlin – dort wird das neue Werk am 25. April – zumindest in Teilen – live zelebriert. Ab diesem Tag natürlich auch auf CD zu haben. Viel Spaß beim Abheben, egal auf welchem Planeten!…. (Jens)

Label:               Gebrüder Schall
Release Date:  25. April 2015

Mother Engine im Bandcamp:
https://motherenginerock.bandcamp.com

Mother Engine auf facebook:
https://www.facebook.com/MotherEngineRock

Label Gebrüder Schall in der Soundcloud:
https://soundcloud.com/gebr-der-schall

… und auf facebook:
https://www.facebook.com/GebruederSchall

Die Künstlerin Eusepia Lehe:
https://www.facebook.com/eusepia.lehe

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