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Willow Child – Paradise & Nadir

(js) Einst im Jahre 2014 als Coverband namens „Trip Down Memory Lane“ gegründet und mit Songs von „Deep Purple“, „Janis Joplin“ und unter anderem auch den „Doors“ in Clubs im Süden Deutschlands unterwegs, fasste man Anfang 2016 den Entschluss, eigene Songs zu schreiben. Da sich dieser wesentliche, musikalische Schritt auch in einem „unbefleckten“ Bandnamen bemerkbar machen sollte, wurde dieser dann ad hoc geändert. „Trip Down Memory Lane“ passte natürlich wunderbar zu einer Coverband, wurde aber letztlich durch „Willow Child“ ersetzt. Unter diesem Namen erschien dann im Jahre 2017 eine EP samt sechs Stücken, von denen es noch genau einer auf diesen ersten Longplayer geschafft hat.

Das Grundgerüst der Band bestehend aus Eva Kohl (gui, voc), Jonas Hartmann (org), Javier Zulauf (bs) und David Kohl (dr) besteht nach wie vor. Einzig Leadgitarrist Flo Ryan Kiss (auch „Limestone Whale“) ist neu dazu gestoßen, da Jonas Hartmann sich fortan einzig aufs Orgelspiel konzentriert. Und dieser Zuwachs im Line-Up sorgte nicht nur dafür, dass man Richard Behrens (Live-Soundengineer von Kadaver, Ex-Heat, Ex-Samsara Blues Experiment), der schon für das „Limestone Whale“-Debut Pate stand, als Produzenten gewinnen konnte, sondern verpasste dem Sound der Nürnberger eine noch intensivere, noch kräftigere Note.

Einen Sound, der mit „vintage“ wohl genauso modern wie zutreffend beschrieben ist. Wem das zum Abkanzeln reicht, braucht wohl gar nicht mehr weiterlesen, geschweige denn zu -hören. Retro-Rock halt – kennt man, gibt’s viel, kommt eh nicht an die Originale ran. Soweit so richtig. Warum allerdings „Willow Child“ im Verbund ihrer Kollegen trotzdem herausstechen, wollen wir im Folgenden einfach mal gemeinsam erkunden. Hinsetzen, lesen. Bitte.

Empfangen werden wir im Opener „Little Owl“ mit einem leicht psychedelischen Riffing und einem treibenden Orgelsound, der sich in seiner späteren Entwicklung einzig der wunderbar warmen und hingebungsvollen Stimme Evas zu ergeben scheint. Hier muss überhaupt nicht unkonventionell gegen den Strich gebürstet werden, um eine Spannung zu erzeugen, die sich mühelos bis in den instrumentalen Part zum Ende des Songs, den Gitarre und Orgel partiell unter sich aufteilen, hält. „Eirene“ trägt eine leicht folkig-hippieske Note in sich, wohingegen „Land Of Sloe“ durch wunderbar dynamische Steigerungen, die einmal mehr auch deutlich machen, wie ausbalanciert und facettenreich Evas Organ ist, überzeugen kann. Sie trägt uns kraftvoll durch den bluesigen Joplin-Part und begeistert mich auch im jazzig angehauchten Ausflug zum Ende hin. Alles perfekt eingerahmt von der kompletten Rhythmusfraktion, die mit jeder Note unter Beweis stellt, dass sie nicht gekommen ist, um Gefangene zu machen.

Mit dem Uptempo-Track „Starry Road“ gelangen wir dann zu meinem persönlichen Favoriten. Ein famoser Heavy-Blueser, der meine „Kemenate des Grauens“, in die ich mich gemeinhin zum Verfassen der Rezensionen zurückziehe, in einen Lavalampenlicht durchtränkten Tanzschuppen der frühen Siebziger verwandelt. Der wabernde Bass, das treibende Drumming, die immerzu präsente Hammond, aber hier vor allem das fantastische Gitarrenspiel Flos lassen urplötzlich körperliche Verrenkungen zu, die wohl zum Zeitpunkt des perfekt inszenierten Solos ihren Höhepunkt fanden. Und meinem Lebensalter sicherlich nicht mehr gerecht wurden. Wie ich tags drauf auch schmerzhaft erfuhren durfte.

Nicht minder spannend daher kommend, erinnert mich der längste Song des Albums, „Beyond The Blue Fields“ wohl nicht zufällig an die großen „Deep Purple“ anfangs der Siebziger. Es vermengen sich eindrucksvoll treibende Gitarrenparts mit Lord’schen Orgeltönen, bevor dann inmitten des Liedes ein Break erfolgt und uns ein psychedelisch- instrumentaler Ideenreichtum geradezu um die Ohren geklöppelt wird. Mit „Red Wood“, einzig von der Debut-EP verblieben, bestätigt die Band das harmonische Grundgerüst aller Songs. Hier heavybluesig, geradlinig, auf den Punkt gespielt, feilgeboten.

„Mayflies“ kommt in einem etwas zeitgemäßerem Gewand daher und verzaubert mich durch von leisen Progelementen durchzogene Harmonien, die man so schnell nicht wieder aus dem Kopf bekommen kann. Nein, gar nicht will. Auch hier wird man dem Albumtitel einmal mehr gerecht. Nicht umsonst steht der Titel „Paradise & Nadir“ für die Kernthematik der Songs auf dem Album. Musikalisch wie hier, gleichwohl aber auch lyrisch. Zum einen handeln sie vom Paradies auf Erden und dessen ständigen Niedergang durch menschliches Handeln, zum anderen von persönlichen Höhe- und Tiefpunkten. Es kann kaum besser umgesetzt werden.

Beinahe balladesk führt uns „Unspoken“ in die letzten Minuten dieses Albums. Auch hier überzeugt mich Sängerin Eva einmal mehr mit ihrer leicht rauen, aber hingebungsvollen Stimme, die anfangs einzig zur akustischen Gitarre erklingt. Sie lässt das musikalische Konglomerat aus Nürnberg, welches seine Wurzeln zweifelsohne in den frühen 70ern hat, auch hier nur allzu hell erstrahlen. Ich will einen vokalen Bezug zu Janis Joplin gar nicht aufkommen lassen, weil man Eva damit sicherlich nicht gerecht würde. Denn ihre Stimme ist eigenständig und elektrisierend genug, um sich solchen Vergleichen nicht ausgesetzt sehen zu müssen. Und sie trifft den musikalischen Nerv punktgenau wie es auch die Rhythmusfraktion zu zelebrieren im Stande ist.

„Willow Child“ haben ihrer selbst produzierten EP noch ein musikalisches Krönchen aufgesetzt. Es überzeugt mich in all seinen musikalischen Facetten. Es ist verspielter als sein Vorgänger und besticht auch durch den warmen, auserlesenen Sound für den eben bereits erwähnter Richard Behrens Sorge trug. In all ihren Songs paaren sich Dynamik, Spielfreude und eine musikalische Seele geradezu unbefangen. Mit „Paradise & Nadir“ haben „Willow Child“ die Messlatte für alle aufstrebenden Vintage-Rock-Bands unglaublich hoch aufgelegt. Bei den Nürnbergern funktioniert alles, und wer seinen überbordenden Ideenreichtum in derart aufregende Songs gießen kann wie diese Kapelle, dem stehen für die Zukunft sicherlich noch viele Türen offen. Der größte Verdienst dieser Platte besteht vielleicht darin, dass Ausdrücke wie Psychedelic Rock, Heavy Blues oder Blues Rock längst nicht mehr greifen, um ihre Schöpfer kategorisieren zu können. Die sicherlich noch längst nicht am Ende ihrer Entwicklung angelangt sind….(jensS)

Tracklist:

1. Little Owl (06:25)
2. Eirene (03:58)
3. Land Of Sloe (05:28)
4. Starry Road (04:32)
5. Beyond The Blue Fields (07:01)
6. Red Wood (04:22)
7. Mayflies (05:34)
8. Unspoken (03:56)

https://willowchild.bandcamp.com/releases

https://www.facebook.com/WillowChildOfficial/

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