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Vespero – Hollow Moon

(as) Sollte man sich nur dafür interessieren, ob eine Band Mist oder Gold abliefert, braucht man Rezensionen zu Veröffentlichungen von „Vespero“ im Grunde nicht zu lesen, weil die Band noch nie enttäuscht hat. Umso spannender ist hingegen stets die Frage, wo ihr Schwerpunkt zur gegebenen Zeit liegt, denn so fest die Russen im psychedelischen Rock verwurzelt sein mögen, so unberechenbar sind bislang stilistisch geblieben.

Dahingehend bildet „Hollow Moon“ keine Ausnahme. Im Laufe der wieder einmal Prog-würdigen Spielzeit von über einer Stunde bietet die Band gleichermaßen viel Vertrautes und für sie Neues, vor allem aber einige ihrer verspieltesten Songs seit Jahren. Gleichwohl, hektisch geht es nie zu.

Das Quintett nimmt sich viel Zeit, wie schon das lange Intro suggeriert; es klammert die restlichen Songs gemeinsam mit „Watching the Earth Rise“ am Ende, sodass man das gleichfalls nur rauschende „Watershed Point“ als retardierendes Moment deuten kann. Der trotz Überlänge peitschende Einstieg „Flight of the Lieutenant“ wirkt mit Morsecode-Rhythmus und Synthesizern als Melodien spendendem Instrument beinahe wie der Soundtrack zu einem 8Bit-Videospiel, verfügt aber über einen freischwebenden Mittelteil mit Percussion und zünftigem Gitarren-Freakout, dessen jazzige Tonsprache von Saxofon und E-Geige (Mahavishnu Orchestra?) unterstrichen wird.

Bläser Pavel Alexeef brilliert auch im Gänsehautstück „Sublunarian“, das ansonsten genauso wie später „Mare Ingenii“ einen Ruhepol mit clean gespielter Gitarre markiert. Während „Moon -Trovants“ nehmen „Vespero“ langsam wieder Fahrt auf, wobei das um sich selbst kreisende Bassmotiv an die repetitive Anmutung des Schaffens diverser Artisten aus der Berliner Schule denken lässt. Dass hier jedoch keine Elektroniker, sondern Rockmusiker am Werk sind, bleibt jederzeit erkennbar.

Das längste Stück hat die Gruppe clever zentral platziert. „Feast of Selenites“ zählt mit düsteren Riffs und Gitarrensolos, die ungeachtet der konstant durchgehaltenen Halbtonmotivik einer musikalischen Achterbahnfahrt gleichen, zu den härtsten Momenten auf „Hollow Moon“. Darauf muss fast zwangsläufig ein lyrisches Stück folgen, und in der Tat fußt „Tardigrada‘s Milk“ auf weitgespannten Melodiebögen bzw. Harmonie statt Groove, derweil Akkordeon-artige Klänge einen Hauch von Weltmusik verwehen.

Beim Hören von „Space Clipper‘s Wreckage“ stellt man schließlich fest, dass die Platte quasi wie ein Spiegel aufgebaut ist, denn „Space Clipper‘s Wreckage“ entspricht in Struktur wie Duktus (flott und virtuos mit eher abstraktem Mittelteil) dem Opener. Das Ganze kommt einem allerdings genauso wenig konstruiert vor, wie „Vespero“ Kompliziertes, wovon „Hollow Moon“ eine Menge zu bieten hat, kinderleicht aussehen lassen.

Den unter der Aufsicht von Keyboarder Alexey und Gitarrenzauberer Alexander im Laufe der Jahre 2016 und ‘17 in Astrachan, der Heimat der Gruppe mitgeschnittenen Tracks wurde ein Mastering von Altmeister Eroc spendiert, und eine Vinyl-Variante wird demnächst auf diese schmucke Digipak-CD hin folgen.

Tonzonen/H‘Art
http://www.vespero.bandcamp.com
64:42

Watching the Moon Rise
Flight of the Lieutenant
Sublunarian
Moon -Trovants
Mare Ingenii
Feast of Selenites
Watershed Point
Tardigrada‘s Milk
Space Clipper‘s Wreckage
Watching the Earth Rise

Ivan Fedotow (d, perc)
Arkadij Fedotow (b, keys)
Alexander Kuzowlew (g)
Alexeij Klabukow (keys)
Witalij Borodin – (strings, keys)

Pavel Alexeef (sax)

Andreas Schiffmann

Filed under: Album Reviews, Folk, Jazz, Prog, Psychedelic, , ,

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