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Long Distance Calling – How Do We Want To Live

Album_Cover(jm) Ganz großes Kino… Das sind meine Gedanken nach dem ersten Anhören von „How Do We Want To Live“. Im Jahr 2013 erlebe ich Long Distance Calling zum ersten Mal während des Freak Valley Festivals in Netphen/Deuz. Seitdem ich dort nach einem fantastischen Konzert völlig geflashed und mit nahezu permanenter Gänsehaut aus dem Fotograben taumelte, führen Long Distance Calling und ich eine glückliche musikalische Fernbeziehung. Liebe auf den ersten Ton so zu sagen und der Name „Long Distance Calling“ macht also auch in dieser Hinsicht Sinn, egal über welches Medium man das musikalische Schaffen der vier Münsteraner auch genießt.

Lange aufhalten möchte ich mich nicht mit der facettenreichen Karriere und – für mich neben My Sleeping Karma einer der besten – sicher auch international erfolgreichsten instrumentalen Rockbands aus Deutschland. Seit fast fünfzehn Jahren beweisen Long Distance Calling aus Münster, wie tiefgründig, vielseitig, überraschend, individuell und trotzdem massentauglich Rockmusik auch ohne einen Sänger sein kann. Ihre sechs bislang erschienenen Studioalben erzählen großartige Geschichten in kompositorischer Eigensinnigkeit, in der rein intuitiv alles seinen Platz findet; sie dienen sich stets an als ein Soundtrack zum ganz persönlichen Kopfkino und bringen Menschen weltweit dazu, ganz einer Musik zu verfallen, die vor allem eines ist: unkonventionell, berührend und geprägt von einer signifikanten Handschrift.

Diese sechs Alben bewiesen, dass die künstlerische Geschichte dieser Formation noch längst nicht zu Ende erzählt ist – im Gegenteil, manchmal scheint es, Long Distance Calling fangen gerade erst so richtig an, ihrer Leidenschaft an Progression und Experiment immer bedingungsloser Raum zu geben. Womit wir beim siebten Album mit dem gleichsam vielsagenden wie bedeutungsschweren Titel „How Do We Want To Live?“ wären.

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Long Distance Calling live at Freak Valley Festival 2013

Auch wenn alle zehn neuen Songs die klassischen LDC-Trademarks in sich tragen, fällt mir eines zuerst auf: der mutige Einsatz neuer, häufig elektronisch erzeugter Klangästhetik die soundtechnisch das Konzept des Albums unterstützt und somit dem schon erwähnten Kopfkino neue Dimensionen verleiht. Aber was ist das Konzept, wenn es nahezu keine Texte gibt? Eine Betrachtung und Analyse des gegenwärtigen Verhältnisses zwischen Mensch und Maschine, zwischen künstlicher Intelligenz und humanistischen Grundwerten, zwischen technologischem Fortschritt und dem Rückschritt persönlicher Freiheit.

„Das Elektronische passt natürlich total gut zum konzeptionellen Überbau“ berichtet Schlagzeuger Janosch Rathmer. „Gleichzeitig ist es aber eine Elektronik, die wir selbst bedienen und programmieren. Mit dem Ziel, dass auch diese elektronischen Elemente so homogen klingen wie unsere Instrumente. Immer noch menschlich statt maschinell. Ebenso weit weg von Industrial wie von Techno. Und ganz besonders von dieser heutzutage typischen, einförmigen Elektronikästhetik, die dadurch entsteht, dass alle Studios und Produzenten die gleichen Plug-Ins nutzen. Wir wollten da lieber etwas haben, das eigener, spezieller ist.“ Nun: Wer Long Distance Calling schon länger verfolgt, wird von diesem Ansatz und Ziel wenig überrascht sein. Und ebenso wenig vom Ergebnis, das der Vater eines Bandmitglieds mit den ebenso schmeichelhaften wie treffenden Worten beschrieb: „Das klingt wie Pink Floyd von heute.“ Tatsächlich habe auch ich beim Hören des ersten Tracks „Curiosity Part 1“ die gleiche Assoziation.

Band_Photo_1

Die Idee für die konzeptionelle Story hinter der Musik entstand bereits im vergangenen Herbst und damit sehr früh im Arbeitsprozess. Bassist Jan führt weiter aus: „Diese ganzen Ereignisse, die die einzelnen Gesellschaften derzeit erleben und durchmachen, diese Lock-Downs, die ja das gesamte Leben in all seinen Facetten komplett runterfahren, all das erzeugt aus sich heraus bereits ganz spezielle Atmosphären. Als eine Band, bei der Atmosphäre schon immer zu den existenziellen Bausteinen gehörte, konnten und wollten wir dieses Spiel mit den Atmosphären diesmal komplett ausreizen und auf die Spitze treiben. Aber nicht nur in die düstere, dystopische Richtung, sondern genauso in das andere Extrem, in die Hoffnung und Zuversicht, dass aus allem Neuen eben auch etwas Schönes entstehen kann.“

Das kürzlich veröffentlichte apokalyptisch wirkende Video zu „Immunity“ besteht ausschließlich aus offiziellen Aufnahmen aus Nachrichtensendungen der ganzen Welt während der COVID-19-Pandemie und lässt den Betrachter sprachlos zurück. Das ist kein Film – das ist nicht mehr als die Wirklichkeit. Stellen wir der Band deshalb die Frage des Albums: „Wie wollen sie leben?“ Jan fasst die bandinternen Gedanken hinter dem Konzept zusammen: „Wir befinden uns aktuell in einer Situation, in der man kaum noch sagen kann, ob ein technischer Fortschritt eher zu einer Utopie oder einer Dystopie beiträgt. Dabei kann man beobachten, wie sich das alles exponentiell entwickelt. Das macht es für den einzelnen ja so schwer zu entscheiden, wie man mit alldem umgeht: Jeder, auch wir als Band, hat Bock auf Fortschritt und Zukunft, aber man sollte doch echt mal anfangen, genauer hinzuschauen, was man dabei zulässt und abgibt an persönlichen Rechten. Mir fehlt außerdem oft die Frage der Sinnhaftigkeit: Muss man jeden Fortschritt mitmachen, nur weil er auf einmal möglich ist? Und kann man mich dazu zu zwingen, all das ohne Not auch in mein Leben reinzulassen? Dabei zersetzen sich, wie man sehen kann, eben auch immer mehr kulturelle Standards, die bis vor kurzem noch als unverhandelbar galten – etwa, wie man miteinander umgeht und spricht. Nur wenige Jahre gezielter Hass in den Foren machen, so mein Eindruck, mittlerweile fast jede vernünftige Diskussion oder den sachlichen Austausch von Argumenten fast unmöglich, während Verschwörungstheorien jedweder Natur immer zahlreicher und populärer werden. Gerade jetzt in dieser neuen Phase einer weltweiten Pandemie schreitet das alles nur umso schneller voran. Und immer weniger wird sich dafür interessiert, woher diese Gedanken, Theorien und Algorithmen kommen, wer sie lanciert hat – und vor allem zu welchem Zweck. Selbst wenn man sich dafür sehr interessiert, genau betrachtet weiß doch mittlerweile keiner mehr, wie stark er bereits manipuliert wird in seinem Verhalten und seinen Überzeugungen – auch und gerade den politischen.“

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Long Distance Calling live at Freak Valley Festival 2013

Dabei geht es LDC mitnichten um pure Zukunftskritik oder das Ablehnen technologischer Entwicklung – sie betrachten die Gegenwart der Postmoderne und die atemlose Progression des digitalen Zeitalters von allen Seiten. „Es gibt schließlich auch viele Entwicklungen dabei, die das Leben deutlich leichter und sicherer machen“, so Janosch. „Allein die positiven Einflüsse, die die globale Vernetzung auf den medizinischen Fortschritt ausübt und damit aktiv dabei hilft, Leben zu retten: Das ist doch verdammt großartig!“

Abgerundet wird das Album durch den Song „Beyond Your Limits“, der tatsächlich mit Leadgesang daherkommt. Der Text greift auf lyrische Weise das Oberthema auf und wird von Eric A. Pulverich von der Band Kyles Tolone gesungen. Was macht „How Do We Want To Live?“ nun genau aus? Der Band ist nach dem 2018 veröffentlichten Studioalbum „Boundless“ und der Live-Performance „Stummfilm“ aus 2019 ein extrem vielschichtiges, musikalisch ausgereiftes und konturenscharfes Statement gelungen, das in der Lage ist, nahezu ohne Text darauf hinzuweisen, das mit unserer Welt so einiges nicht in Ordnung ist. Nach dem Hören empfiehlt es sich also weiterhin, genau hinzuschauen und nicht zu schweigen.

„Wir würden uns sehr freuen, wenn das neue Album beim Hörer nicht nur ein spannendes Hörerlebnis auslöst, sondern hoffentlich auch den einen oder anderen Gedanken, der in viele Gespräche und Diskussionen getragen wird – und zwar komplett offline, im Real Life, Face to Face. Damit wir uns wieder ein bisschen stärker bewusst machen, wie das Leben in einem sozialen Gefüge eigentlich funktionieren und gestaltet werden sollte.“ Ein besseres Fazit hätte ich nicht formulieren können. Ich freue mich darauf……(Jens M.)

Tracklisting (52:45):

1. Curiosity (Part 1) (02:56)
2. Curiosity (Part 2) (04:26)
3. Hazard (06:08)
4. Voices (07:54)
5. Fail / Opportunity (03:07)
6. Immunity (05:40)
7. Sharing Thoughts (07:25)
8. Beyond Your Limits (06:24)
9. True / Negative (02:33)
10. Ashes (06:12)

Line-Up:

David Jordan -Guitar
Florian Füntmann -Guitar
Janosch Rathmer -Drums
Jan Hoffmann –Bass

Online:

www.facebook.com/longdistancecalling
www.longdistancecalling.de

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