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Bluesrockfestival Tegelen 2018

(ro + der kursive vo) Punktlandung im  „Openluchttheater De Doolhof“ ! Exakt zu den ersten Takten von „Stompin`Grounds“  und bei strahlendem Sonnenschein betreten wir in bester Laune das Gelände der mittlerweile 35sten (!) Edition des Bluesrock Festivals in Tegelen.

Die Atmosphäre ist wie immer sehr einnehmend, entspannt und familiär. Allenthalben sieht man freundlich lächelnde Leute, die auf dem Gelände zwischen den Ständen bummeln und Pommes mit Zwiebeln essen oder mit einem Bier in der Hand an den Biertischen oder auf der Treppe in der nachmittäglichen Herbstsonne sitzen.
Ja, hier kann man es sich gut gehen lassen!

Jedes Mal freue ich mich über den schönen und einladenden Besucherbereich gegenüber der Bühne, der ein bisschen wie ein überdachtes Amphitheater gestaltet ist und in dem man es sich auf grauen Schalensitzen bequem machen kann.
Also guter Sound und Sicht für jeden, egal, wo man sich befindet.

Ich stelle fest, dass die drei Jungs von  „Stompin`Grounds“ aus Limburg auf der Bühne ein solides, sauberes Set abliefern – genau richtig für das „Ankommen“ und „Aufwärmen“ der Gäste.
Daan van de Ven (Drums, backing vocal), Rick Stegeman (Gitaar, backing vocal) und Jesse Deledda (Bass, Lead Vocal), die zuvor den Preis für den „Song of the Evening“ bei „Nu of Nooit“ (der Pop Contest von Limburg mit einem Spot auf Pinkpop) gewannen, zeigen den Zuhörern sogleich, wieviel Spaß sie auf der Bühne haben.
Sie bieten ein stimmiges Gesamtpaket, musikalisch und optisch: vom variablen Gesang des Fronters, der blinkenden alten Telecaster und dem Retro Style der Outfits.  Flotter Glencheck-Anzug, weißes Hemd und dazu eine akkurate Fliege, Hosenträger und grün-rote Budapester, natürlich perfekt geputzt, ja, das macht schon Eindruck.
Zwei sonnenbebrillte Mädels mittleren Alters, die sich mit ihren gut gefüllten Bierbechern zunächst scheinbar etwas skeptisch vor der Bühne aufhalten, werden in kurzer Zeit offensichtlich überzeugt und beginnen gut gelaunt zu tanzen, andere Besucher stellen sich ein, wippen und schwingen die Arme zu dem einladend spannungsreichen Gypsy-Blues.

In der Umbau-Pause wird es Zeit, sich um die Kulinarik zu kümmern:  Pommes mit Majo, wahlweise mit Zwiebeln, Sate-Spieße inklusive Erdnuss-Sauce, diverse frittierte Fleischwaren aus Hackfleisch, genannt Frikandel, ja, das ist alles urholländisch – und gibt es hier auch in der Spezial-Ausführung.
Dazu das ein oder andere Getränk – mit oder ohne Promille, versteht sich.

Anschließend gilt es, dem Vortrag einer Dame namens „Tami Neilson“ zu lauschen. Diese ist mir bis dato völlig unbekannt – Asche auf mein Haupt.
Ich las, dass die Kanadierin, die seit einigen Jahren in Neuseeland lebt, mit ihrem Mix aus groovendem Old-School-Soul über Vintage-Rock bis zu Country schon eine Menge Aufmerksamkeit erlangte. Das machte mich natürlich neugierig!
Und dann tritt sie auf die Bühne.
Und wie sie das tut!
Tight, laut und energetisch!
Oh ja,Tami ist nicht nur stimmlich eine Erscheinung, sondern insgesamt ein umwerfender Hingucker.
Eine atemberaubende, raumgreifende Wuchtbrumme, extrovertiert und agil, gekleidet in ein todchickes, mit Fransen besetztes, knalltürkises Trägerkleid, die zusammen mit ihren Kollegen, die passend in gut sitzenden schwarzen Anzügen mit countryesken Stickerein auf den Revers auftreten, ein fantastisches musikalisches Set zu Gehör bringt.
Stimmgewaltig und unangestrengt folgt Song auf Song, gefühlvoll und durchdringend, mächtig und dann im nächsten Moment wieder sehnsuchtsvoll sanft.
Unterbrochen wird der Vortrag von kleinen kurzweiligen Geschichten aus Frau Neilsons Leben und Erfahrungsschatz.
Immer wieder mal greift sie zur Konzertgitarre, z.B. bei der schleppenden, beseelten und zu Herzen gehenden Ballade „Don`t Be Afraid“, oder gar zur Harp, die sie famos und eindrucksvoll beherrscht.
Besonders beeindruckend für mich ist auch ihre Gänsehaut erzeugende Version des James-Brown Klassikers „It`s A Man`s World“.
Oh ja, das ist wahrlich ein atemloser und mitreissender Auftritt, musikalisch eine Stunde lang auf den Punkt gebracht, dazu abwechslungsreich in Tempo, Instrumentierung, Soli und Atmosphäre, und dabei fällt nichts auseinander oder verdröselt sich, es ist ein perfektes und stimmiges Konzert von einem kompakten Bandgefüge.
Der Applaus sagt jedenfalls, dass das Publikum einer Zugabe nicht abgeneigt gewesen wäre, aber das gibt es hier in Tegelen aufgrund des straffen Zeitplanes nicht, bzw. nur ausnahmsweise.

Die folgende Pause überbrücke ich mit einem netten Getränk, dem Hin-und Herschlendern vor dem Merch und dem eifrigen Gedankenaustausch über die langen Jahre, die dieses Festival nun schon stattfindet, wer wann hier und wie oft auf der Bühne stand und über musikalische Sozialisationen im allgemeinen und im speziellen.

Dann wird es aber wieder höchste Zeit, sich zügig in Richtung Bühne zu begeben, auf der das US-amerikanische Quartett namens „Ben Miller Band“ bereits Aufstellung genommen hat.
Von diesen sensationellen Vollblutmusikern aus Joplin, Missouri, bestehend aus drei bärtigen Herren und einer Dame, bin ich von der ersten Minute an hin und weg.
Insbesondere die Wahl der außergewöhnlichen, handgemachten Instrumente, wie beispielsweise das Waschbrett, welches mit kauziger Verve vom ZZ-Top-bärtigen Bob Lewis bedient wird, des weiteren Löffel, Zigarrenkistengitarren oder gar einem selbstgebastelten Waschwannenbass, eindrucksvoll bearbeitet von Scott Leeper im Holzfällerhemd, begeistert mich überaus.
Mit unglaublicher, funkensprühender Spielfreude schafft es Ben Miller zusammen mit seinen kongenialen Mitstreitern, aus den altmodisch anmutenden Instrumenten eine mitreißende, schmissige Atmosphäre aus Blues, Country, Bluegrass und Folk zu schaffen, die mit beißendem Groove, tollen Riffs, raffinierten (Gitarren) Melodien, aufregenden Rhythmen und vielseitigem Gesang immer wieder faszinierend und spannend ist.
Und doch ist die Lärmigkeit stets wunderbar melodisch, bei aller Dynamik und konsequenter Tollheit nie außer Rand und Band.
Dazu trägt natürlich auch Rachel Ammons bei, die Violinistin, deren knielanges Haar sie wie ein sanfter Schneewittchen-Schleier umweht, und die dazu mit Westernstiefeln und einem hübsch kurzen Country-Kostüm bekleidet ist. Eine wahre Augenweide!
Und nicht nur das: In ihren mit Furor und Jam explodierenden Violinpassagen reisst sie auch diejenigen von den Stühlen, die sich bisher eher lässig zurückgelehnt hatten.
Oh ja, auch von dieser Band hätte ich zu gern eine Zugabe gehabt…aber…siehe oben.

Nach diesem Auftritt suchen wir diverse ruhige Ecken zum Hinsetzen und Ausruhen auf, ordern zum wiederholten Male das ein und das andere schmackhafte Getränk, geniessen träge und relaxt die Abendsonne und stellen fest, dass es eben doch einen Unterschied macht, ob man eine musikalische Epoche selbst erlebt hat – oder eben nur legendäre Hits tradiert bekommt, und kommen erst zu „King – King“ wieder zurück.

„King – King“ ! Blues aus Glasgow!
Keine Frage, der krachende, facettenreicher Blues-Rock des rockenden Schotten im Schottenrock namens Alan Nimmo, der aussieht wie ein Gewinner der traditionellen „Highland Games“, und seiner Mitstreiter Lindsay Coulson am Bass, Wayne Proctor an den virtuos treibenden Drums und dem Keyboarder Bob Fridzema, ist unglaublich mitreissend und vor Ideen sprühend.
Ich hatte das große Vergnügen, die mit dem British Blues Award 2012, 2013 und 2014 für die beste Band ausgezeichnete Truppe zum ersten Mal im Jahre 2014 im „Spirit of66“ zu sehen und zu hören (hier bei uns nachzulesen).
2016 erhielt die Band dann gleich drei British Blues Awards: für das Album „Reaching for the Light“, für den Song „Rush Hour“ sowie den „Kevin Thorpe Award For Songwriter of the Year“.
Auch hier und heute bieten die Jungs ihren erdigen, schweißtreibenden Bluesrock, der dampft wie frisch aufgeschütterter Teer, in einer fantastischen, elektrisierenden Live-Show, die mit ungeheurer Intensität und Vitalität vorgetragen wird.
Und wieder einmal stelle ich fest, dass es Bands gibt, deren Auftakt bereits Bände spricht, der alle Qualitäten offenbart.
Ausruhen ist hier nicht, nein, nicht in diesem stampfenden, tiefgehenden und doch so leichtfüßigen, tief verschwitzten Paralleuniversum, das vielgestaltig und unglaublich vital daherkommt und Song für Song ganze Romane schreibt.
Aber wer will sich schon ausruhen?
Also, wem hier nicht der Schweiß auf der Stirn steht, wer hierbei seine Beine ruhig halten kann, wem hier nicht das Herz aufgeht, nun, dem würde ich Taubheit attestieren wollen.
Genau.

Bintangs„: Die älteste bestehende Rockband (seit 1961!!) der Niederlande, vielleicht auch in Europa oder auf der Welt? Und außergewöhnlich bemerkenswert: Gründungsmitglied Frank Kraaijeveld – Bass und Gesang ist immer noch dabei! und rockt und rhythm & bluest nicht auf der Fläche eines Bierdeckels, nein, er läßt auf der ganzen Bühne die Sau raus, auch stimmlich. Klingt heiser, raspelnd und verraucht. Und: mit ihm ist die Band eher aktiv gewesen als z.B. als die Rolling Stones (1962). Beinahe unglaublich. Seine großartigen musikalischen Mitstreiter und-arbeiter dieses denkwürdigen Auftritts: Dagomar Jansen: Gitarren, Gesang und Harp, Burt van der Meij: Drums und Marco Nicola:, Gitarre und Gesang. Ihr Rhythm & Blues ist ruppig, ungeschliffen, rauh, heftig. Das Volk vor der Bühne und auf den Stufen des Theaters feiert die Truppe noch und nöcher und ich bin schwer beeindruckt von der Energie und dem Druck den dieses Quartett entwickelt. Ein Fest….und Frank schafft hoffentlich auch noch das 60jährige!

Laurence Jones & Band„: Im Mittelpunkt von Sänger und Gitarrist Mr. Jones und seiner sehr toughen Band stand das letzte Album „The Truth“ (zur Rezi) und wie zu hören und sehen war: großartige Stimmung im Volk vor der Bühne, wo sich immer mehr Enthusiasten versammelten, auch die Sitzreihen und die dazwischen liegenden Stehgebiete waren mittlerweile sehr gut besucht. Und: sie war die einzige Band, die heute die eine Zugabe gab, aber die wurde aber auch ergröhlt und erklatscht und bejubelt: „Fortunate Son“ in einer guten Coverversion des CCR Klassikers. Auch zwischendurch gabs zwei Cover: „Before Accuse Me“ von Bo D. und „All Along The Watchtower“ von Bob D. Wunderbar fand ich neben dem Hauptgesang und den instrumentarischen Leistungen den prächtigen Backgroundgesang der beiden sehr stimmigen Ladys. Alles in allem eine gute Vorstellung der Band und Laurence wird seinen Weg machen, wie schon etliche damalige britische Bluesgitarren Jungspunde, die heutzutage sehr etabliert sind….Nicht wundern über „nur“ schwarzweiße Aufnahmen, aber das „normale, anwesende“ Bühnenlicht war schrecklich lila.

Walter Trout und Band„: nach einer sehr schweren Krankheit in hervorragender Weise wieder fit und agil und mit vollstem Einsatz mit Körper und Mimik drosch Walter mit seiner großartigen Band durchs Programm. Begeistert wurde jeder Ton, jede Silbe von ihm wirklich und wahrhaftig enthusiastisch gefeiert, aber es war auch ein Brett, was die vier da auf der Bühne ablieferten. Und mit „I can tell“ als erstem Song kannste aber auch gar nix falsch machen. Ich versuchte inmitten der völlig abgehenden und pure Freude ausstrahlenden Menge mit leicht angewinkelten Armen ein paar Photos zu machen….

Vor seinem von niederländischen Fans zum besten Bluessong aller Zeiten gewählten „Say goodbye to the blues“, das er immer den leider verstorbenen Größen des Blues und Souls widmet, hatte er noch eine Lobeshymne auf die letzte Woche verstorbene Aretha Franklin parat – ihr wurde an diesem Abend dieser Song gewidmet! Kippenvel, Gänsehaut, Goosebumpers! Große Kunst. Sein Sohn Jon kam auch noch bei einem Song zu Ehren und auf die Bühne und zeigte hörbar sein Talent an den sechs Saiten. Tourmanager Andrew Elt gesellte sich dann auch noch dazu und zum Finale kam auch noch Laurence Jones und alle intonierten aufs Beste den Alltime Klassiker „Going Down“.

Zum wiederholten Mal war es wie immer ein prächtiges, spätsommerliches Bluesrockfestival in Tegelen.
Wir bedanken uns beim Büro Pinkpop für die Akkreditierung, bei den beteiligten Bands und den alten und neuen Freunden, es war uns ein Fest…..( Rosie + Volker)
Alle Photos ©VolkerFröhmer

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