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Kiev Stingl – Teuflisch

(hwa) Da brat mir doch einer ’nen Storch: Kiev Stingls klingender Undergroundkult wird von Sireena Records Zug um Zug wiederveröffentlicht. Zumindest die ersten drei Alben. Dass ich das noch erleben darf! Für mich war Stingl seinerzeit dem Mainstream meilenweit voraus. Unique? UNIQUE!
Onkel Udo wird jetzt vielleicht schmunzeln…

Aber: Udo Lindenberg scheint ja sowieso immer der Pate zu sein. Für alles, was im Zuge seiner Deutsch-Odyssee aus den 70ern kam. Aber nicht in dieser speziellen Intensität und der poetischen Dichte von Kiev Stingl! Der war outstanding und wurde als „Underground“-Poet verstanden.

Stingl war das Etikett „Underground“ aber selber nicht geheuer.
Das erzählt er in „Kiev Stingl – No Erklärungen“, einem sehenswerten Interview von Dirk Otten und M.A Littler. Die haben Kiev Stingl, den „verlorenen Sohn“, in Berlin aufgetrieben und in einem per Crowdfunding finanzierten Film interviewt – eigentlich aber wiederauferstehen lassen!

„Ich war immer Einzelgeher (sic!)“, erzählt Stingl „und habe den Subjektivismus auf die Spitze getrieben“.
Das kann man wohl sagen. Und im Hinblick auf „Underground“ konstatiert er: „Ich fand ja ‚Underground’ nur im Zusammenhang mit Velvet Underground interessant. Aber sobald ‚Underground’ zur gesellschaftlichen Konvention wird, verliere ich das Interesse“.

Das erklärt einiges. Zum Beispiel, dass Stingl nach dem dritten Album „Ich wünsch den Deutschen alles Gute“ ohne großes Brimborium mehr oder weniger frustriert nach Berlin abtauchte. In den damaligen „Untergrund“ vor dem Mauerfall, sozusagen. Er wollte das Heft des Handelns in der Hand behalten und war „raus“.
„Rein“ kam er nochmals 1989, indem er Dieter Meier von Yello erlaubte, „Grausam das Gold und jubelnd die Pest“ zu produzieren.
Trotzdem ein Flop.

Zehn Jahre zuvor gab’s aber noch einen publikumswirksamen Rechtsstreit mit dem SPIEGEL-Magazin. Für „Hart wie Mozart“, Stingls zweitem Album, hatte man als LP-Cover das originale Spiegel-Deckblatt in Form und Farbe eins zu eins kopiert. Nur, dass oben anstatt „DER SPIEGEL“ nun „KIEV STINGL“ prangte. Das gab neben der linken Seitenlinie (wo nun scheinbare Hurennummern statt Auslandspreise zum Besten gegeben wurden) richtig Ärger.

Zurück zu „Teuflisch“: Das Album sagt viel über den Zeitgeist aus, aber auch darüber, wie sehr Poesie in seiner „harten“ Form im Laufe der darauffolgenden Zeitläufte in Deutschland auf Alben ins Abseits geriet.

Stingl war da viel stringenter, ja geradezu anarchisch. Er traf die Diktion von Wondratschek oder Bukowski und war mit seinen Texten in Deutschland in vielerlei Hinsicht einzigartig.
Also doch „Underground“? Schätze schon!

Bei der Erstauflage in 1975 – produziert von Achim Reichel – saß Stingl zwischen allen Stühlen, die überhaupt verfügbar waren. Das Album blieb wie Blei in den Regalen liegen.
Obwohl Stingl z.B. mit Rio Reiser viel gemeinsam hatte. Auch Rio war in den Texten seiner Zeit meilenweit voraus. Aber Rio wurde letztlich „König von Deutschland“.

Im oben zitierten Film spricht Stingl auch davon, dass Texter, Dichter oder Literaten eigentlich nur „kleine Häufchen scheißen“ würden. Ein typischer Stingl-Satz!

Anyway: 1975 war „Teuflisch“ für den Markt offensichtlich noch nicht reif.
Achim Reichel wollte es zusammen mit Frank Dostal in deren gemeinsamen Gorilla-Verlag nochmals wissen. Und präsentierten das „Teuflisch“-Album 1979 mit neuem Cover in einer Ära, in der Punk und New Wave die althergebrachte Rockmusik eine Zeitlang „alt aussehen“ ließen.

Die Kritiker waren verblüfft. Und erst einmal ratlos. Aber plötzlich war Stingl dann doch „the next big thing“. Das Album ging durch die Decke.

Und jetzt ist Stingl wie von Geisterhand nach Jahrzehnten back in town: Sireena Records, Tom Redecker und anderen sei Dank.

Ohne Zweifel war das „Teuflisch“-Album ein Meilenstein. Es wirkt im Grunde heute noch genauso frisch wie vor 40 Jahren. Das ist nicht selbstverständlich!

Hochkarätig unterstützt wurde Stingl bei den Aufnahmen zu „Teuflisch“ vom Gitarristen und Produzenten Achim Reichel (Rattles, Wonderland), Keyboarder Jean-Jaques Kravetz (Frumpy, Atlantis, Udo Lindenberg), Schlagzeuger Dicky Tarrach (Rattles, Wonderland, Randy Pie), Bassist Tissy Thiers (Randy Pie) und Stefan Wulff (Ougenweide) an der Harmonika.

Die Genannten flankierten dabei einen singenden deutschen Dichter zwischen Genie und Wahnsinn: Kiev Stingl in seiner Blütezeit!

Panta rei.

(Heinz W. Arndt)

Tracklist:
01. Ihr Blick ist höllisch kalt (3:22)
02. Tierisch, in die Bars zu gehn (3:18)
03. Rocker (2:47)
04. Teuflisch (4:37)
05. Häng rum (3:38)
06. Morgen komm ich (5:50)
07. Der Sommer ist längst vorbei (5:32)
08. Seltsam, dich hier zu sehn (6:43)

Kiev Stingl „Teuflisch“
Sireena Records SIR 2173 / Broken Silence
Juli 2017

www. sireena.de
www. kievstinglfilm.de

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