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Phantomas Trehr – Restnorm Apath

(ro) Nein, dieses Album ist beileibe keine leichte Kost. Es ist keines, was man nur so nebenbei hören sollte. „Restnorm Apath“ ist eine Scheibe, die vortrefflich zu dämmergrauen Märztagen passt, um sie mit einer blassen Sonne zu erfüllen.
Sie passt, wenn die Welt ringsum einen anschaut mit starren Gesichtern, wenn der übervolle Schreibtisch zum Abraum der Welt mutiert, wenn man sich wieder einmal als Außenseiter fühlt und überhaupt alles wie ein klammes Tuch erscheint, das bleiern auf den Schultern lastet.

Genau für solche Momente ist das Ein-Mann Projekt des Stuttgarters Stephan Romhart alias „Phantomas Trehr“ eine gute Wahl.
Alle zehn Tracks wurden von ihm selbst komponiert, eingespielt, produziert und aufgenommen.
Sie bewegen sich in einer intensiv schimmernden grauschwarzen Farbenwelt fernab jeglicher Effekthascherei, treiben dahin im Grenzland zwischen schwermütigen Singer-Songwriter-Liedern und depressivem Rock.
Eine intensive, unsentimentale Nachdenklichkeit irrlichtert durch diese zehn Songs, eine fast greifbare Düsternis.
Ab und zu scheinen sie wie durch ein experimentelles Universum zu gleiten, in dem sich vermeintlich in Stein gemeißelte Wahrheiten so leise verabschieden wie Bonbonpapier, das an einem windigen Tag scheinbar ziellos durch den Park trudelt. Man muss hören und schauen und sich Zeit lassen dabei.

*
Das ganze Album durchzieht eine dunkel-untertönige Aura, auf dem ein spannender Spagat zwischen manchmal fast identisch bleibenden Motiven und zugleich dynamischen Spannungsbögen gelingt.
Doch ziehen sie ganz allmählich hinein in ihren karg-schönen Klangkosmos.

Warme, sensible Gitarrentöne begleiten die Gedanken, stechen aber auch unvermittelt wie Wespen, die man nicht hat kommen sehen. Darüber liegt die  Stimme von Stephan Romhart, der man Empfindsamkeit und Leidenschaft gleichermaßen abkauft.
Tief ist sie, dunkel und warm, und wenn es die Tonleiter ein wenig hinaufgeht, flehend und schattenlos. Alles auf angenehm wahrhaftige und zurückhaltende Weise.

Der Opener, betitelt „Der Fremde“ verrät bereits im Titel seinen eigentlichen Kern, und dafür braucht man nicht einmal ein einziges Semester Philosophie oder  Deutsche Lyrik studiert zu haben.
Dieser Song ist die vertonte Vergegenwärtigung von Schmerz, Zukunft, Tod, Liebe, Verwesung und auch dieses einen ganz bestimmten Menschen, der nicht mehr da ist. Oder ist damit  vielleicht gar eine höhere Macht gemeint? Ein Gebet?
„Schenk mir die Kraft, diesen Tag zu überstehn. / Gib mir den Halt, nicht den alten Weg ständig neu zu gehn. / Schenk mir die Kraft.“

Der Track „Der Apologet“ ist ebenso verstörend wie verlockend.
„Wer sagt, die Zeit heilt alle Wunden, / hat wohl ein Heilen schon erlebt. / Wer sagt, die Welt heißt dich willkommen / hat wohl die Schmerzen abgelegt.“
Solch Klänge bemalen nicht den Alltag, dieser Sound leitet unweigerlich in eine diffuse Finsternis hinein. Es ist die Sorte fordernder Musik, welche sich nicht dazu eignet, bei Kaffee und Kuchen gespielt zu werden, sondern die atmosphärisch dicht scheinbar Vergessenes und Verdrängtes hervor holt und ins Licht hält. So lange, bis es schmerzt.
Nein, die Zeit heilt nicht alle Wunden, das tut sie nicht. Sie weist den Dingen bestenfalls ihren Platz zu. Irgendwo, wo sie nicht so präsent sind, damit man weiterleben kann.

Wo manche der Lieder in einer engen Kulisse spielen, durchschleichen andere, wie z.B. „Der Herbst der Welt“ von fiebriger Sehnsucht getrieben das Erdenrund.
Stephan Romharts innerer Schmerz zeigt sich nicht nur hier als gedämpfte Ruhe nach (oder vor) dem Sturm.
Es brodelt, aber alles ganz langsam.
Dank der charismatischen Stimme des Herrn Romhart, die so nah und in der Betrachtung verloren tönt, und der subtilen, minimalistischen Instrumentierung bleibt dieser Song zwischen Traurigkeit und verhaltenem Optimismus sofort im Herzen hängen.

Denn ja, es geht um die kleinen Veränderungen. Irgendwie.
Und ums Weitermachen, auch wenn Dinge auf dem Weg verlorengehen. Man hält trotzdem mehr oder weniger den Kopf hoch und versucht, seine Hoffnungen und Träume zu bewahren.
Genau wie es auf dem Cover des Booklets heißt:
„Und die See gibt ihnen neue Hoffnung, / wie die Nacht ihnen neue Träume bringt.“ ( Christoph Kolumbus)

Ja, „Restnorm Apath“ ist in der Tat ein bemerkenswertes Album und wird Liebhaber derartiger Klänge ganz bestimmt zu beeindrucken wissen.
Ein 70 Minuten langer Soundtrack, der genau richtig ist für stille Stunden voller Tiefgang und Sehnsucht. (…Rosie…)

Die CD kann man z.B. hier anhören und auch direkt für 10 Euro inkl. Versand über paypal kaufen:
https://www.phantomas-trehr.de/

Songliste:
1.) Der Fremde
2.) Die dunkle Stadt
3.) Die Stimmen
4.) Die See
5.) Der Apologet
6.) Der Herbst der Welt
7.) Der Nihilist
8.) Die Brücke
9.) Das Leid Nic
10.) Der Abschied

www.phantomas-trehr.de

Label: Hammersmith Studio
Fotos: Thomas König

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