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JunkYard Open Air 2018, Dortmund (11. und 12.08.2018)

(js) Einmal mehr wurde am vergangenen Wochenende der Kohlenpott zum Schmelztiegel des Stoner-, Retro- und Psychedelic Rock. Zum mittlerweile vierten Male fand auf dem ehemaligen Schrottplatzgelände im Dortmunder Norden das „JunkYard Open Air“ statt. Und es zeigte sich erneut, dass diese „dreckigen“ Töne fern des Mainstreams außerordentlich prima zum Veranstaltungsort passen. Leider war es in diesem Jahr nur möglich, am zweiten Veranstaltungstag vorstellig zu werden. Nichtsdestotrotz zeigte sich schon bei der Begrüßung durch die Organisatoren erneut, wie persönlich und mit wie viel Herzblut erschaffen, dieses Open Air von Statten geht. Man fühlte sich wie schon im Vorjahr unglaublich wohl. Wir kommen gerne wieder. So viel sei jetzt schon vorweg genommen.

Pünktlich um 14 Uhr startete dann wie gewohnt eine lokale Band den musikalischen Reigen. „AniYo kore“, die ihren Proberaum nur 10 Gehminuten entfernt vom Junkyard haben, sind mir bis dato tatsächlich verborgen geblieben, obwohl sie tatsächlich schon seit dem Jahre 2010 existieren und mittlerweile sieben Alben veröffentlicht haben. „AniYo kore“ sind Melody an der E-Gitarre und René am Bass. Dazu gibt’s einen Drumsound aus der Drum Machine. Sie starteten mit einem reinen Instrumentalstück und was sich bereits mit diesem Song ankündigte, ließ mich bis zum Ende des Gigs kaum los. Auch wenn ich nicht grundsätzlich in Genres denke, versucht man natürlich Musik ein Stück weit einzuordnen. Quasi im eigenen Musikkatalog. Revue passierend ist ihr Sound sicherlich mit „Trip Hop“ ganz gut beschrieben. Mal ganz sanft nach „Deine Lakaien“ klingend, dann aber auch von folkloristischen Wurzen getragen. Was alle Songs eint ist in jedem Falle ein steter „downtempo“-Charakter und Melodys wunderbares Organ. Klassische Songstrukturen sucht man bei „aniYo kore“ vergeblich, einen tiefen vielschichtigen Klang findet man dafür stetig. Ein toller Opener, der mein musikalisches „Sichtfeld“ spürbar erweiterte.

Im Anschluss betraten die britischen Psych-Rocker „Is Bliss“ die Bühne. Die Jungs aus Portsmouth haben bis dato zwei EPs auf ihrem Konto und werden aller Voraussicht nach Ende dieses Jahres ihren ersten Longplayer veröffentlichen. Jimmy Stuart (voc, gui), Dean Edwards (bs) und Sam Speakman (dr) erzeugten eine musikalische Mixtur aus Psychedelic Rock Ende der Sechziger und Alternative Sounds der Neunziger. Bisweilen sogar in den Grunge abgleitend. Herausragend aus ihrem Set sicherlich der Achtminüter „Lure“, der sich durch hämmerndes Drumming, treibende Basslinien und mit proggigen Elementen versetzte Leads aufbaut und in einem furiosen Instrumentalfinale ausufert. Allerdings gab es auch Phasen im Gig der Briten, die mich letztlich nicht mehr mitnahmen, weil sie meines Erachtens zu spannungsarm und wenig überraschend daher kamen. Dem mittlerweile besser gefüllten „Rund“ schien es aber durchaus zu gefallen.

Die Zeit bis zum Auftritt der Jungs von „Coogans Bluff“ ließ sich dann prima an den Verzehrständen aushalten. Flüssige und feste Nahrung konnte auch in diesem Jahr wieder zu sehr zivilen Preisen erstanden werden. Mir als Biertrinker gefiel vor allem, dass nebst den gewöhnlichen Hopfenkaltschalen auch „Craft Beer“ im Ausschank war. Diese Veranstaltungspause wurde dann jäh durch eine Durchsage der Veranstalter unterbrochen, in der uns mitgeteilt wurde, dass der Gig der Coogans ganz hinten angestellt werden muss, da sich diese den Unwägbarkeiten deutscher Autobahnen ausgeliefert sahen. Stau, Zeitpunkt ihrer Anreise unklar. Glücklicherweise aber finalisierten „Stoned Jesus“ vor ihrem eigentlichen Auftritt ihre Anreise und waren somit in der Lage und auch willens, ihren Gig vorzuziehen. Eine tolle Geste der Jungs aus der Ukraine. Die schon deutlich machte, dass die Jungs Bock hatten, den Platz ordentlich zu rocken. Dies zeigte sich dann auch in Igors Begrüßung, der sich darauf freute, endlich wieder vor Leuten zu spielen, die die Band kennen. Bei ihren gerade absolvierten Gigs als Opener für „Danzig“ sei dies eben nicht so gewesen.

Im Grunde weiß man, was man bekommt, wenn „Stoned Jesus“ drauf steht. Und ebenso war es auch diesmal. Sie legten die gewohnte Spiellaune an den Tag und überzeugten mit doomigen Vibes, aber vor allem ihrem arschtretenden Stonerrock. Und dabei immerzu den Kontakt mit dem Publikum suchend. Wie gewohnt paarten sich Sydorenkos Gitarrenangriffe nahtlos mit Sergii Sliusars Bassspiel zu einer fantastischen Melodielinie. Es gibt für mich ohnehin kaum eine zweite Band, die ihren Doom beeinflussten Sound so spielerisch und leichtfertig live herüber bringt. Kein Instrument überstrahlt das andere, und Sydorenkos leidenschaftlicher Gesang fügt dem ganzen Treiben noch eine besondere Note hinzu. Besonders bemerkenswert war dies einmal mehr in „I’m The Mountain“, einem epischen 16-Minuten-Track, zu spüren, mit dem dieses Set vorläufig abgeschlossen wurde. Denn die Jungs aus der Ukraine kehrten schnell zu zwei Zugaben auf die Bühne zurück. Und wie die Show begann, endete sie dann auch – mit einem mitreißenden, donnernden Riff. Und einer glücklichen Zuhörerschaft. Ein Wort noch in eigener Sache: „Stoned Jesus“ haben soeben einen Vertrag bei einem Major Label unterzeichnet, nämlich Napalm Records. Ich hoffe inständig, dass sie sich künftig nicht arg musikalisch verbiegen lassen. Die erste ausgekoppelte des neuen Albums „Pilgrims“ (erscheint Anfang September) stimmt mich ein wenig nachdenklich. Aber warten wir es einfach ab.

Während des „Jesus“-Gigs erreichten dann auch die fünf Rostocker von „Coogans Bluff“ das musikalische Stoner-Mekka des Kohlenpotts. Aber als wäre der Stau, in dem sie sich vorher befanden, nicht genug der Unannehmlichkeiten, schien es nun endgültig ein gebrauchter Tag zu werden. Lang andauernde technische Probleme beim Anschluss ihrer Orgel führten nicht nur dazu, dass eben jene während des Konzerts ausgespart werden musste, sondern auch noch dazu, dass der Gig einige Minuten kürzer ausfiel. Aber all das Missgeschick, hinderte „Coogans Bluff“ keineswegs daran, ihre Spiellaune wie eh und je an den Tag zu legen. Diese feine Mixtur aus Kraut- und Space-Rock sowie ein bisschen Punk, Funk, Jazz und natürlich Stoner mag vielleicht für den einen oder anderen Zuhörer ungewöhnlich geklungen haben, aber wenn man sich exakt darauf einlässt, stand eine wunderbar wilde Fahrt bevor. Zumal der Sound der 2003 gegründeten Band seit dem Jahre 2011 noch komplexer wurde, da von diesem Zeitpunkt an Clemens Marasus (Bass & Gitarre) sowie die Gebrüder Charlie (Drums & Gesang) und Willi (Gitarre) Paschen von den Bläsern Max Thum (Sax) und Stefan Meinking (Posaune) tatkräftig und laut vernehmbar unterstützt wurden. Und exakt diese Bläserfraktion ist eine wahre musikalische Wonne und erhöht die Wucht eines Auftritts noch spürbar. Ob nun Songs mit einem Jamcharakter wie bei „Too late“, einer 70er Jahre-Rocknummer wie „Why did you talk“ oder dem krautrockigem „Flyin‘ to the stars“ – alles verband eines: es ließ einen nicht ruhig stehen. Dieser Auftritt versprühte derart viel Esprit und gute Laune und war dabei stets musikalisch anspruchsvoll und hoch energetisch. Ich denke, dass das dankbare wie auch glückliche Publikum „Coogans Bluff“ für all die Widrigkeiten des Tages aber auch ordentlich entschädigen konnte.

Noch vor einigen Wochen ging man davon aus, dass nun an dieser Stelle die schwedischen Retrorocker von „Horisont“ die Bühne betreten werden. Da diese aber unpässlich waren, waren die Organisatoren gefordert einen Ersatz zu beschaffen. Und an dieser Stelle kommen dann die vier Aschaffenburger von „MY SLEEPING KARMA“ ins Spiel. Eben jene Band, die es immer wieder schafft, sogar einen „Haudraufhörer“ wie mich zum sanftmütigen Schoßhündchen werden zu lassen. Und wer diesen Vollzug melden kann, in dessen Musik muss tatsächlich etwas ganz Besonderes innewohnen. Die Musiker betraten nach dem Intro die Bühne und begannen umgehend ihren Instrumenten so wunderbar mythische, beinahe meditative Klänge zu entlocken. Diese unglaublich zärtlichen, aber dennoch mitreißenden, Klänge kreierten eine dichte, stimmige Atmosphäre und der harmonische Fluss der Musik lud dazu ein, sich zu entspannen und stressfrei im Takt mitzuwippen. „MY SLEEPING KARMA“ hatten zudem richtig Bock, das spürte man umgehend. Die Band spielte die Songs mit einer Hingabe, dass es eine wahre Freude war. Im Anschluss an die Songs wurde sich fast immer beim Publikum bedankt, sei es mit Gesten und/oder mit kurzen Worten von Bassist Matte. So entstand dann auch eine Art Kommunikation mit dem Publikum. Dies kann ja immer mal ein wenig zum Problem werden, wenn man keinen Sänger beziehungsweise Frontmann hat. Aber der Vierer aus Süddeutschland löste das souverän wie immer und man nimmt den sympathischen Jungs diese Dankbarkeit auch ab. Mittlerweile hatte ich längst schon die Verkabelung zur Welt unterbrochen und mich fallen lassen in ein Universum aus Klängen, in dem es nichts gab, außer diese allumfassenden Melodien, die mich sanft einzulullen schienen und mich zur Ruhe kommen ließen. Die Anstrengung von einem langen Festivaltag in den Beinen – vergessen, weggespielt. Es gab nur noch die Musik, die mit jeder Faser des Körpers zu spüren war, und die jeglichen Stress und Ärger wegspülte, sodass ein tiefes Gefühl der Ruhe und des Friedens entstand. Einmal mehr hat diese Band es geschafft, mich mit ihrer Darbietung unglaublich zu berühren. Nach knapp 80 Minuten und einer Zugabe war dann Schicht im Schacht und wir Fans mehr als zufrieden.

Wer wollte, konnte sich dann noch abschließend in der ebenfalls auf dem Gelände befindlichen Halle den Auftritt der Berliner „Wedge“ ansehen, die einmal mehr unter Beweis stellten, dass die deutsche Musikszene abseits des Mainstreams einen sehr großen Fundus inspirierender Bands zu bieten hat, die eben keinen riesigen Werbeetat besitzen oder eine massige Propagandamaschinerie hinter sich wissen. Und dieser frische Sound des Trios, der weitestgehend von Einflüssen der späten 60er und frühen 70er getragen wird, sorgte noch einmal für eine höchst intensive, ausgelassene Stimmung. Kiryk Drewinski (acoustic & electric guitars, vocals), Holger ‚The Holg‘ Grosser (drums) und David Götz (bass, Hammond organ)s tellten unter Beweis, dass selbst erkennbar musikalische Parallelen zu Bands wie „Black Sabbath“, „Deep Purple“, „The Doors“ oder auch „Wolfmother“ nicht dazu führen müssen, dass man seine Eigenständigkeit aufs Spiel setzt. Denn eigenständig genug sind sie, um nicht als bloße Kopie zu gelten. Und authentisch ohnehin. Insbesondere eben live.

Es schloss sich somit ein weiteres Kapitel „JunkYard Open Air“. Bei zweien durfte ich bisher als Besucher mitwirken und bin mir sicher, dass ich 2019 wieder dort aufschlagen werde. Wie schon eingangs erwähnt, lebt dieses Festival vor Allem von seinen dankbaren Organisatoren, die – wenn Not am Mann sein sollte – jederzeit hilfsbereit zur Verfügung stehen und mit spürbarem Herzblut Jahr für Jahr dieses tolle Event auf die Beine stellen. Nebst den viele freundlichen wie fleißigen Helferlein überall auf dem Gelände. Da nach dem Festival vor dem Festival ist, abschließend nur noch so viel: see you in 2019! Oder wie man im Pott zu sagen pflegt: tüsskes und hau rein bis zwoneunzehn“……(jensS)……Photos ©volker

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