(js) Wenn man denkt, dass Retro-Rock nicht mehr frischer klingen kann, kommen „The Vintage Caravan“ daher und schieben mit ihrer sechsten Langrille „Portals“ einen satten, psychedelischen Bluesrock-Brocken auf die Bühne, der klingt, als hätten die 1970er ein Date mit Curtis Newton (aka „Captain Future“) aus dem Jahre 2200. Die Isländer, die schon als Teenager die Bühnen Europas unsicher gemacht haben, zeigen mit diesem Album, dass sie nicht nur die alten Meister wie „Led Zeppelin“, „Deep Purple“ oder „Cream“ verehren, sondern auch verdammt gut wissen, wie man deren Vibe in die Moderne katapultiert.
„Portals“, aufgenommen in den „Arda Recorders“ in Porto (daher der Titel, clever!), ist ein wilder Ritt durch 17 Tracks, die so abwechslungsreich sind wie die Tagesaktivität des Eyjafjallajökulls: mal sanft, mal brodelnd, mal explosiv, aber immer heiß. Die Band hat zudem zum ersten Mal auf analogem Band aufgenommen und das hört man sehr wohl. Die Platte hat diesen herrlich organischen, warmen Sound, der klingt, als würde man sie auf einem alten Röhrenverstärker in einer verrauchten Eckkneipe im Kohlenpott hören.
Die fünf „Portal“-Zwischenspiele inmitten der eigentlichen Stücke sind wie kleine kosmische Wurmlöcher, die die Songs verbinden und dem Album eine fast filmische Dramaturgie verleihen. Man fühlt sich geradezu, als würde man sich mittenmang der 70er Jahre in die nicht immer einladenden Sitze eines abgerockten Bahnhofskinos schälen, während Óskar Logi Ágústssons Gitarre einem die Seele aus dem Leib riffelt.
Gleich der Opener „Philosopher“ (mit einem Gastauftritt von Opeths Mikael Åkerfeldt, der seine Prog-Rock-Wurzeln mitbringt) legt die Latte unglaublich hoch: ein akustischer Einstieg, der sich in einen mitreißenden Refrain verwandelt und ohne Gefangene zu machen direkt in die Ohrwurm-Abteilung des Gehirns einzieht. „Crossroads“, die zweite Single, ist ein bluesiger Kracher, der fast auf dem Vorgänger „Monuments“ gelandet wäre, aber hier in neuer Pracht erstrahlt. Übrigens mit einem Gastauftritt des isländischen Popsängers Eyþór Ingi Gunnlaugsson versehen, der diesem Song eine extra Prise Drama verleiht. Und dann gibt’s da noch „Riot“, inspiriert von den Unruhen in Großbritannien 2024, die mit ihrem stoner-rockigen Puls die Wände wackeln lässt. „My Aurora“ hingegen ist ein eher konträres, akustisches Juwel, das mit Flöten und gefühlvollen Vocals zeigt, dass die Jungs auch die leisen Töne beherrschen.
Der letzte Track, „This Road“, mit seinem treibenden Tempo und pulsierenden Rhythmus, rundet diese einfach grandiose Veröffentlichung perfekt ab. Durch das gesamte Album zieht sich ein großartiges Retro-Feeling in der Produktion, das auf wunderbare Weise Bilder eines farbenfrohen Kaleidoskops heraufbeschwört. Deutliche Einflüsse von „The Doors“, den bereits vorher genannten „Led Zeppelin“ und „Deep Purple“ sind genauso zu spüren wie Parallelen zu modernen Vertretern wie „Graveyard“, und „Rival Sons“. Und dennoch festigt „Portals“ den Status von „The Vintage Caravan“ als eine der Führungskräfte dieses Genres.
Was das Album zudem so besonders macht, ist die spielerische Freiheit der Band. Sie experimentieren mit neuen Stilen, ohne ihren eigentlichen musikalischen Kern zu verraten. Óskars Gitarrenarbeit ist mal zart wie ein Sommerwind, mal bissig wie ein Wüstensturm, während die Rhythmusabteilung, Bassist Alexander Örn Númason und Drummer Stefán Ari Stefánsson, einen Groove hinlegen, der selbst einen „Sesselpupser“ wie mich zum innerhäusigen Bürostuhl-Headbangen verleitet. Die Produktion von Axel „Flexi“ Árnason ist darüber hinaus einmal mehr ein Volltreffer: klar, kraftvoll und doch so herrlich „vintage“, dass man fast den Plattenspieler entstauben möchte.
Ein marginaler Kritikpunkt? Vielleicht ist das Album mit 17 Tracks etwas üppig. Irgendwie wie ein „All-you-can-eat-Buffet“, bei dem man nach dem dritten Gang schon pappsatt ist, aber trotzdem weiterisst, weil’s so lecker ist. Denn wer schreit schon nach Diät oder Völlegefühl, wenn’s so herrlich mundet?
„Portals“ ist ein weiterer großer Wurf für „The Vintage Caravan“. Ein Album, das Rock-Fans in Verzückung versetzt und Neulinge auf eine Zeitreise mitnimmt, bei der die Langhaarfrisur sitzt, die Breitcord sich lässig und beinahe erotisierend zugleich um die Beine schlängelt, der linke Ellbogen gar malerisch das Fenster des gelben Ford Capri ziert und der Motor des selbigen einfach nur freigelassen werden will. Ob letztendlich auf dem Kanapee oder im Konzertsaal: Dieses Album ist ein Muss für alle, die sich Musik mit Herz, Seele und einem nicht immer sanften Hauch von „Lavalampe“ und „Lichtorgel“ angedeihen lassen mögen.
Also ab in die Vinylscheune eures Vertrauens, „Portals“ zulegen und daheim aufdrehen – eure Nachbarn werden’s schon verkraften.
Die nicht enden wollende Tracklist:
01. Philosopher (feat. Mikael Åkerfeldt)
02. Portal I
03. Days Go By
04. Portal II
05. Here You Come Again
06. Current
07. Give And Take
08. Portal III
09. Crossroads
10. Alone
11. Portal IV
12. Freedom
13. Riot
14. Electrified
15. Portal V
16. My Aurora
17. This Road
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