(ju) Die Redux-Serie von Magnetic Eye Records hat Zuwachs bekommen – noch dazu Zwillinge! Ende November präsentierte das Label gleich zwei neue Ausgaben seiner gefeierten Redux-Serie, mit der es seiner bewährten Praxis folgt, legendären Rockklassikern Tribut zu zollen – entweder mit der Neuinterpretation eines Meilenstein-Albums der zu ehrenden Band oder einer Best-of-Compilation mit einem bunten Potpourri an Cover-Versionen. Bei seiner Hommage an die U.S.-amerikanischen Industrial-Rock-Pioniere NINE INCH NAILS hatte das Label wohl Schwierigkeiten, sich für eine Variante zu entscheiden – und veröffentlichte einfach zwei Alben zu der 1988 von Mastermind Trent Reznor in Cleveland, Ohio, gegründeten Ausnahme-Band: „Best Of Nine Inch Nails (Redux)“ und „The Downward Spiral (Redux)“. So kann Entscheidungsfindung eben auch gehen.
„The Downward Spiral (Redux)“ ist dabei das stärkere Geschwisterkind und man könnte sich den Gedanken erlauben, ob es nicht besser gewesen wäre, es bei diesem einen Album zu belassen. Doch dann würden einem ein paar wahre Wonnen auf „Best Of Nine Inch Nails (Redux)“ entgehen. Doch dazu mehr in einer anderen Rezension.
„The Downward Spiral (Redux)“ enthält Coverversionen aktueller Künstler, die sich mit dem zweiten Album von NINE INCH NAILS aus dem Jahr 1994 befassen, das weltweit über fünf Millionen Mal verkauft wurde und für einen Grammy in der Kategorie „Best Alternative Music Performance“ nominiert war. Da ging den teilnehmenden Bands vermutlich hier und da der Arsch ein wenig auf Grundeis: Einen Über-Song zu covern oder völlig neu zu interpretieren ist schließlich ein heißes Eisen, das behutsam angefasst werden möchte. Den 14 Bands, allesamt aus der Doom-, Sludge- und Prog-Metal-Szene, ist dies auf „The Downward Spiral (Redux)“ grundsätzlich gelungen. Es gibt keine wirklichen Ausreißer, bei denen man sich wünscht, dass Trent Reznor dieses Album hoffentlich nie zu Ohren bekommt. Im Gegenteil, bei einigen Titeln sieht man den Mastermind förmlich grinsen. Etwa wenn drei junge Doom-Grunge-Talente aus Köln seinen Über-Hit „Closer“ mit knarzigen Low-Fi-Gitarren und samtigem Frauengesang derart neu einkleiden, dass man trotz der atmosphärischen Vollverwandlung in jedem Takt und Ton den Tribut förmlich spürt. DAEVARs Beitrag stellt ein gelungenes Beispiel für eine Neuinterpretation dar, die fast nur noch in den Lyrics ans Original erinnert. John Fryer with Stella Soleil schaffen mit „I Do Not Want This“ ebenfalls ein gewagtes, aber sehr gekonntes musikalisches Experiment, das gesanglich und atmosphärisch besonders hinten raus Erinnerungen an Julie Christmas weckt. Den ausgefallensten Versuch hinsichtlich völliger Gestaltungsfreiheit stellt das technoide, für nicht technoid-geeichte Ohren leicht verstörende „Big Man With A Gun“ dar von John Cxnnor feat. HEXA.
Neuinterpretationen mit deutlicherem Wiedererkennungswert liefern derweil AUTHOR & PUNISHER mit „Reptile“, das langsamer und nicht ganz so eindringlich daherkommt wie das Original, DREADNOUGHT mit ihrer beeindruckenden Version von „The Becoming“, die durch die zwei weiblichen Stimmen und deren gelungenem Hoch-Tief-Gegensatz zu überzeugen weiß (Shakespeares Sister lässt grüßen!), sowie das Berliner Duo GRIN mit einem sich angenehm unter die Haut ätzenden „Heresy“. „Eraser“ von ABRAMS ist anfangs noch sehr nah am Original, endet hinten raus jedoch in einer Post-Metal-Katharsis, die das Original an Intensität sogar noch übertrifft. Das muss man bei Nine Inch Nails erst mal hinbekommen (und wagen).
Die beiden Instrumentalnummern „A Warm Place“ und der Titeltrack „The Downward Spiral“ erfahren durch IAH und PALEHORSE RIDER tatsächlich einen erfrischenden Neuanstrich, der – besonders bei Letzterem – extrem cool und noch eindringlicher als das Original zu überzeugen weiß.
Die restlichen Beiträge sind zwar sehr nah am Original, atmen mit feinen individuellen Nuancen jedoch den Geist des jeweiligen Interpreten, sodass es auf „The Downward Spiral (Redux)“ keinen reinen Abklatsch gibt. BLACK TUSK und SANDRIDER untermalen die beiden Industrial-Furien „Mr. Self Destruct“ und „March of the Pigs“ mit ungehaltenem Hardcore-Punk, der eher adoleszenten Rotz versprüht denn Reznors rasende Tobsucht. Auch „Piggy“ (THIEF) und „Ruiner“ (HIGH TONE SON OF A BITCH) sind zwei gelungene Beispiele dafür, wie man den Spirit des Originals mit einer dezenten Prise Eigenmarke anreichern kann. BETWEEN THE BURIED AND ME steuern mit ihrer Version von „Hurt“ (noch so ein Arsch-auf-Grundeis-Track) ein annehmbares Cover bei, das zwar nicht an Johnny Cashs Version oder gar ans Original heranreicht, doch darum gibt es letzten Endes ja auch gar nicht.
Insgesamt lädt „The Downward Spiral (Redux)“ Liebhaber des zeitlosen Meilensteins von Nine Inch Nails dazu ein, die großartigen Songs dieses extremst großartigen Albums – das letztes Jahr übrigens seinen 30. Geburtstag feierte – mal „durch eine andere Brille zu hören“. Denn eins wird hierbei klar: Der Hauptgrund, warum man diese 14 Neuinterpretationen mögen kann, liegt wohl vor allem darin, dass die Originale nicht grundlos Musikgeschichte geschrieben haben.
(judith)
Label: Magnetic Eye Records
VÖ: 28.11.2025
Dauer: 67:19
Trackliste:
01. Mr. Self Destruct (BLACK TUSK)
02. Piggy (THIEF)
03. Heresy (GRIN)
04. March Of The Pigs (SANDRIDER)
05. Closer (DAEVAR)
06. Ruiner (HIGH TONE SON OF A BITCH)
07. The Becoming (DREADNOUGHT)
08. I Do Not Want This (John Fryer with Stella Soleil)
09. Big Man With A Gun (John Cxnnor feat. HEXA)
10. A Warm Place (IAH)
11. Eraser (ABRAMS)
12. Reptile (AUTHOR & PUNISHER)
13. The Downward Spiral (PALEHORSE PALERIDER)
14. Hurt (BETWEEN THE BURIED AND ME)
https://en.merhq.net/en/CD/Various-Artists-The-Downward-Spiral-Redux-CD-Digisleeve.html
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