
(jul) Es gibt Alben, bei denen man merkt, dass eine Band etwas will.
Mit Violet Skies legen Stargo ein Album vor, das nach Ankommen klingt. Härter, dichter und klarer als alles zuvor verabschiedet sich die Band von stonerrockiger Bequemlichkeit und setzt auf Konsequenz statt Komfort. Das Ergebnis ist ein Heavy-Album mit Haltung – und ein Wendepunkt in der Bandgeschichte.
Innerhalb der RockBlogBluesSpot-Redaktion war man sich diesmal ungewöhnlich einig: Wer zu nah dran ist, schreibt besser nicht. Da ich weder verwandt noch verschwägert bin, fiel der Blick schließlich auf mich. Und nein, hier werden keine Familiengeschenke verteilt. Was folgt, ist ehrliche Begeisterung eines Musikfans für ein Album, das Maßstäbe setzt – für Stargo selbst und für das, was im Heavy-Underground in Eigenregie möglich ist.
Stargo kommen aus Dortmund, aus einer Szene, in der Stoner Rock lange das natürliche Koordinatensystem war: Groove, Schwere, Psychedelic, Jam. 2008 gegründet, haben sich Karsten (Drums), Stefan (Bass/Synth) und Nordin (Gitarre/Vocals) jedoch konsequent aus dieser Komfortzone herausbewegt. Violet Skies markiert den Punkt, an dem diese Entwicklung nicht mehr tastend wirkt, sondern entschieden.
Dieses Album ist kein Rückzugsraum. Statt Lässigkeit dominieren Druck, Kontrolle und strukturelle Klarheit. Psychedelic ist hier Textur, nicht Selbstzweck. Stoner ist Herkunft, nicht Ziel. Kern und Haltung von Violet Skies liegen eindeutig im Metal. Der dramaturgische Bogen führt von Offenheit zu Verdichtung und bleibt am Ende bewusst ohne Erlösung. Mutig, konsequent, erstaunlich reif.

Tracks
Der Opener „Interstellar“ ist kein Türöffner, sondern ein Öffnungsraum. Er schwebt, tastet sich vor, fordert Geduld. Doomige Gitarrenflächen und reduzierte Rhythmik schaffen Weite ohne Pathos. Nordins Vocals sind hier noch zurückgenommen, atmosphärisch eingebettet – passend für einen Einstieg, der Raum schafft, ohne ihn auszureizen.
Ab Track zwei ist klar, wohin die Reise geht. „Shine Like Diamonds“ zieht die Zügel an und verankert das Album im Metal. Den Song durfte ich beim Black Witch Vol. 5 im November bereits live erleben und war entsprechend gespannt auf den Rest des Albums. Straff geführte Riffs, kontrollierte Rhythmik, klare Struktur, und Karsten an den Drums sichtbar am Limit, das Ganze dermaßen close zu halten – absolutes Hitpotenzial!
Auffällig ist dabei die neue vokale Präsenz auf Violet Skies. Nordin steht wärmer und druckvoller im Mix und bedient bewusst auch tiefere Lagen, die der Stimmung der Songs entsprechen. Wie er selbst sagt, war das eine klare Entscheidung beim Schreiben: Die Stimme sollte genau die Atmosphäre transportieren, die beim Entstehen der Texte spürbar war.
„Don’t Mind“ lockert den Zugriff, ohne ihn aufzugeben. Mehr Luft, mehr Groove, aber keine Rückkehr zur Bequemlichkeit. Die Vocals wirken gelassener, fast resignativ, und halten die Spannung bewusst offen.
Der erste große Eskalationspunkt ist „Left For Dead“: dicht, aggressiv, kompromisslos. Gleichzeitig schleichen sich schwebende, kühl wirkende Passagen ein, deren Emotionalität eher an dunkle 80er-Ästhetik erinnert als an klassische Heavy-Rock-Traditionen. Inmitten dieser Kontraste gewinnen Nordins Vocals weiter an Autorität.
Der dramaturgische Kern des Albums folgt mit „The Artist“. Der Song beginnt erzählend, beinahe balladesk, bevor er ab der Hälfte in einen hypnotischen Sog kippt. Wiederholung wird zum Stilmittel, Spannung entsteht durch Beharrlichkeit statt Lautstärke. Besonders hier zeigt sich die vokale Entwicklung: Anfangs narrativ, später Teil der Struktur – ein starker Moment, der die innere Logik des Albums offenlegt.
„Stargazer“ bleibt nüchtern und diszipliniert. Durchgehende Riffmotive, straffe Rhythmik, kein romantischer Überschwang. Die Vocals fungieren als stabiler Fixpunkt – weniger erzählend, mehr tragend. Der Song stabilisiert den Albumfluss und unterstreicht die Konsequenz der Platte.
Rein instrumental und einer der spannendsten Tracks des Albums ist „Tharsis“. Härte, hypnotische Wiederholung und atmosphärische Öffnung verbinden sich zu einem vielschichtigen Spannungsbogen. Ohne Gesang wird besonders deutlich, wie konsequent Violet Skies gedacht ist: weniger Jam, mehr kompositorische Entwicklung.
Als Closer und Pre-Release-Single schließt „The Great Machine“ den Kreis, ohne ihn zu schließen. Kein kathartisches Finale, keine Erlösung. Stattdessen Kontrolle, Systemlogik, Spannung ohne Auflösung. Nordins Vocals sind hier vollständig Teil der Mechanik: präsent, kontrolliert, bewusst nicht emotional entladen. Die Maschine läuft weiter.
Rhythmus, Produktion & Haltung
Der kontrollierte, fast unbequeme Tightness-Eindruck von Violet Skies lässt zunächst auf eine sehr bewusste, metaltypische Setzung schließen. Tatsächlich wurde im Vorfeld konsequenter als je zuvor mit Klick gearbeitet, was dem Material einen strafferen Anstrich verleiht. Gleichzeitig relativiert Drummer Karsten diese Wahrnehmung mit einem Augenzwinkern: Unter der Oberfläche höre er immer noch dieselbe Lässigkeit wie zuvor – besonders in „Tharsis“, wo sich die Band ganz bewusst treiben lasse.
„Und wirklich bewusst passiert bei uns eigentlich gar nichts“, sagt er lachend – genau diese Mischung aus Disziplin und Loslassen mache Stargo aus.
Gemischt wurde Violet Skies von Robin Stirnberg, dessen Handschrift hier klar hörbar ist: ein kompakter, dichter Mix, der auf Verdichtung statt Räumlichkeit setzt. Gitarren, Bass und Drums greifen eng ineinander, Luft und Hall bleiben bewusst reduziert. Kein stonerrockiger Wohlklang, sondern eine kontrollierte Heavy-Ästhetik.
Das Mastering übernahm Dennis Koehne, der dem Album zusätzliche Schlagkraft verleiht: laut, präsent, aber alles andere als platt. Das Mastering unterstützt die konfrontative Haltung der Songs, ohne sie zu ersticken.
Trotz der deutlichen Verschiebung hin zu mehr Härte versteht die Band Violet Skies selbst nicht als Bruch. Für Stefan ist das Album vielmehr ein weiterer Schritt in einer Entwicklung, die schon länger angelegt ist. Beim Songwriting lasse man sich treiben, ohne Genre-Grenzen mitzudenken – mit dem Gefühl, dabei immer man selbst zu bleiben. Vielleicht werde mit jedem Album deutlicher, wie weit das eigene Spektrum reicht. Und auch wenn Violet Skies deutlich metalorientierter klingt, sieht Stefan die Band weiterhin im Stoner-Kosmos: „Der ist ja mutmaßlich unendlich.“
Mein Fazit
Dieses Album macht etwas mit mir, was nur wenige Platten schaffen: Es fühlt sich richtig an. Nicht überhöht, nicht verkopft, sondern ehrlich. Violet Skies ist eine Veröffentlichung, bei der man sich als Fan einfach freut – weil man hört, dass alles zusammenkommt.
Es ist das bislang stärkste Album von Stargo. Nicht, weil es lauter oder härter wäre, sondern weil es klarer ist. Die Band weiß hier genau, was sie will, und zieht es konsequent durch. Violet Skies setzt Maßstäbe – für Stargo selbst und für das, was moderner Heavy-Underground leisten kann, wenn Haltung wichtiger ist als Bequemlichkeit. Kurz gesagt: geile Scheibe – kaufen!
VÖ: 13.02.2026
Releaseparty: 21.02.2026 Hirsch-Q in Dortmund
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