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Schwarzbrenner – Heymkehr

„Lyrics `n` Blues – wenn Lyrik eine angemessene musikalische Form findet“. So heißt es gleich auf der ersten Seite des Booklets der Düsseldorfer Band „Schwarzbrenner“, die seit 16 (!) Jahren die faszinierenden Gedichte des expressionistischen Dichters Georg Heym vertont.  Wolfgang Becker ( Gitarre, Gesang ), Christoph Keisers (Schlagzeug, Percussion), Rolf Menzen (Bass), Jörn Becker (Gitarren, Arrangement, Produktion), überzeugen hier mit einem sorgfältig ausgestalteten Gesamtkunstwerk auf das Erbe eines Jahrhundert-Lyrikers, das lebendig und glaubwürdig und bewegend wirkt.

Georg Heym, der nicht älter als 24 Jahre werden durfte, ertrank 1912 beim Schlittschuhlaufen auf der Havel, als er seinen in das Eis eingebrochenen Freund retten wollte.  Und wie gelingt es nun, eine 100 Jahre alte expressionistische Lyrik in die heutige musikalische Landschaft zu transportieren?

Nun,  „Schwarzbrenner“ lassen die Texte des jungen Dichters stets für sich selbst sprechen,  ohne sich persönlich oder ihre Musik in den Vordergrund zu stellen.  Nichts sticht schmerzhaft ins Auge, nichts setzt sich reißerisch in Szene.  So wird der Trauer, Desillusionierung, Wut und Einsamkeit dieser aufrüttelnden Texte ein Platz gegeben, aber gleichzeitig gezeigt, dass das Leben stets in all seiner Schönheit und mit all seinem Schmerz vor allem eins bleibt:  lebenswert.

„Heymkehr….“, das klingt nach Tiefe,  nach den verborgenen Schätzen, die jeder Mensch in sich trägt.  Und so gewährt Georg Heym in seiner apokalyptischen Dichtung, kaum verschleiert, einen Einblick in sein Seelenleben.  14 Songs haben „Schwarzbrenner“ auf diesen beiden CDs zusammengestellt,  unterteilt in „CD1 Blues“ und „CD2 Rock“.  Der Opener auf „CD1-Blues“verrät bereits im Titel seinen eigentlichen Kern, und dafür braucht man nicht einmal ein einziges Semester Philosophie oder Deutsche Lyrik studiert zu haben.  „Menschen“ ist die vertonte Vergegenwärtigung von Schmerz, Zukunft, Tod, Liebe, Verwesung und auch dieses einen ganz bestimmten Menschen, der nicht mehr da ist.

Der folgende und gleichfalls sprachlich gewaltige Song „Der Bettler“ entkommt allen Klischees, treibt sich selbst langsam und beständig voran,  bis der Knoten platzt und die riskante Hürde einer (zu) ruhigen Albumeinleitung genommen ist. „Der Gesang der Türme“ hingegen groovt sich bassorientiert Takt für Takt direkt in die Lendengegend und lässt die Musik also geradezu perfekt um textliche Aussagen kreisen.  „Schwarzbrenner“ schaffen es nicht nur, Heyms Gedichte musikalisch in die Gegenwart zu befördern,  sondern versetzen auch ihre Hörer in Bewegung – sowohl buchstäblich, als auch dahingehend, v ielleicht doch mal einen Band Lyrik aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts in die Hand zu nehmen.

Und dann das großartige „Der Tod der Liebenden im Meer“,  welches auf naturhaft-schlichte Weise kraftvoll startet, Akzente mit beeindruckendem Slide-Gitarrenspiel und mit Wolfgang Beckers Stimme setzt, die wie ein weiteres Instrument nicht nur in diesen Song integriert wird.  Ganz wunderbar spielt Wolfgang Becker mit dieser seiner Stimme: sei es ruhig und besonnen wie in „Gen Norden“,  oder mit gekonntem Gesang-Gitarre-Wechselspiel bei „Gott der Stadt“ – eine Stimme,  von der auch balladeske Elemente nie säuselnd vorgetragen werden.  So schlicht wie ergreifend sickert dann „Der Himmel wird so schwarz“ ein und weckt das Forschergen des Lauschenden,  da zwischen Naturerlebnis und Abgründigkeit gependelt wird,  sich nichts en passant offenbart.

Seit Jahren einer meiner persönlichen Favoriten ist der Track „Weiße Wolken“,  der hier die „CD2 Rock“ eröffnet und das intensive Gefühlsleben,  das unlebbare Leben des Georg Heym erahnen lässt:  „Der Traum des ersten Zweilichts auf dem Tale / des Grases Zittern, darauf die Kühle taut / Die Wolken ziehen am Himmelssaale / in Farben, wie sie nie der Tag geschaut.“  Oder das Stück „Alte Helden“,  bei dem schwer zu bezwingenden Dämonen getrotzt und Elend nie schöngefärbt wird – alles verpackt in einen kräftigen Rock-Sound,  der sich schiere Betroffenheit verbietet,  aber dennoch zu Emotionen drängt.

Und nicht nur damit wird klar,  dass es für „Schwarzbrenner“ trotz 16 Jahren Auseinandersetzung mit dem Werk des Georg Heym und neun erfolgreicher Alben wohl nur eine untergeordnete Rolle spielt,  ob es Leute gibt,  die „Heymkehr“ vielleicht nicht mögen.  Denn die Person, auf die es im Werk von „Schwarzbrenner“ ankommt,  ist da,  obwohl sie es nicht ist – und dürfte damit nicht zu denen gehören,  die immer unaufhaltsamer in Vergessenheit geraten.

Wer mehr über die Band lesen möchte, der kann dann mal hier klicken: www.schwarzbrenner.de   …(Rosie…)

Noch ein Review:  Schwarzbrenner – Stadt am Abend
Noch ein Review: „Herbes Glück“ von Wolfgang Becker & Christoph Keisers

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